Film

Vanishing Point (1971)

Vanishing Point Filmplakat zur Rezension

Story in drei Sätzen: Kowalski will einen weißen Dodge Challenger von Denver in Colorado nach San Francisco bringen. Konsequent fährt er Vollgas, macht keine Pausen und hält sich mit Pillen wach. Schon bald wird er von der Polizei gejagt, bekommt jedoch unverhofft Hilfe von einem blinden Radio-DJ, einer nackten Bikerin und einem alten Schlangensammler.

Wie war’s: Hart fressen sich die Spikes der Bulldozer in den Asphalt, die Ordnungsmacht baut eine letzte Straßensperre auf, um Kowalski zu stoppen. Vanishing Point beginnt mit harten Schnitten: Kowalski im Sportwagen, über ihm der Polizei-Helikopter, er rast mit unvermindertem Tempo auf die Straßensperre zu. Doch es ist zu früh für den Tod: Kurz vor dem Aufprall bremst Kowalski hart ab, er stellt sich der direkten Konfrontation nicht – noch nicht.

Es beginnt der eigentliche Film, der in einer einzigen langen Rückblende erzählt wird. Unterbrochen nur von kurzen Filmschnipseln aus Kowalskis früherem Leben. Wir erfahren, dass er früher Rennfahrer und Polizist war. Seine Freundin hat sich das Leben genommen, er selbst muss den Dienst als Ordnungshüter wegen einer Drogengeschichte niederlegen. Trotzdem ist Kowalski nicht unzufrieden mit dem was er tut. Das liegt vielleicht daran, dass nicht besonders viel tut, außer Tag und Nacht Auto zu fahren. Gegen ein spontanes Rennen hat er nichts einzuwenden, aber es geht ihm nicht um Geld oder Ruhm. Kowalski lebt die Freiheit der Straße. Für den farbigen, blinden Radio-DJ „Super Soul“ wird er so zum „letzten amerikanischen Helden“. In seiner Radiosendung feiert er Kowalski ohne ihn je gesehen zu haben.

Die Polizei kommt in dem Film aus dem Jahre 1971 überaus schlecht weg: Die Ordnungshüter sind zynisch, brutal, rassistisch. Sie jagen Kowalski mit einem enormen Aufwand, ohne dass der einzelne Beamte überhaupt ahnt, was Kowalski verbrochen hat. So spekulieren zwei Cops in einer Szene, der Verfolgte müsse doch mindestens ein Mörder sein. Vanishing Point wird so zum Spiegel seiner Zeit: Auf der einen Seite die 68er Bewegung der USA in Form von Hippies, Wanderpredigern oder Bikern für die Kowalski zu einer Art Held wird, auf der anderen Seite die brutale Ordnungsmacht, die repressiv gegen jeden vorgeht, der nicht in das Schema passt. Diesen Gegensatz vermittelt der Film nicht gerade subtil, dafür aber umso konsequenter.

Am Ende des Films kann daher nur der Tod Kowalskis stehen: Er rast erneut auf die Straßenblockade zu, lachend. Beim Aufprall explodiert das Auto. Das Ende lässt zwei Interpretationen zu: 1. Kowalski hat den Tod bewusst ins Auge gefasst, er sieht keinen anderen Ausweg als den Wagen gegen die Blockade zu setzen. 2. Kowalski denkt, dass er noch durchbrechen kann. Deshalb lacht er auch. Diese Interpretation wird von Hauptdarsteller Barry Newman gestützt, der sie vor einigen Jahren in einem Interview vorbrachte.

Vanishing Point funktioniert immer dann am besten, wenn er sich auf seine existenzialistischen Wurzeln berufen kann: Kowalskis Lebenssinn spiegelt sich in dem weißen Sportwagen wieder, würde er nicht fahren, er hätte kein richtiges Leben. Diese Ausschließlichkeit verleiht dem Film Stärke und hebt ihn aus der Masse an mehr oder weniger gelungenen Rennfilmen heraus. Mit gewissen Ähnlichkeiten in der Handlung, aber noch aussichtsloserem Tenor und einer deprimierenden Grundhaltung ist evtl. Asphaltrennen (1971) einen direkten Vergleich mit Vanishing Point wert.

Fakten, Fakten, Fakten:
Deutscher Titel
: Fluchtpunkt San Francisco
Regie: Richard C. Sarafian
Darsteller: Barry Newman, Cleavon Little, Dean Jagger, Victoria Medlin, Paul Koslo
Remake: 1997 gab es ein Remake für das US-Fernsehen mit Viggo Mortensen als Kowalski und ohne die esoterischen Szenen des Originals.
OFDb: Mehr Infos zu Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco)

Lukas

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    2 KOMMENTARE

  • konny 8. Dezember 2009 Reply

    moin,

    jo sehr gut geschriebene kritik. du hast recht, dass der film nicht gerade sehr subtil ist. das ist wohl nicht das anliegen des films.
    der tod ist voraussehbar, weil der film logisch und „geerdet“ sein muss. kowalski ist den ganzen film hindurch so ein superheld und meistert alle situationen so gekonnt, dass der film unglaubwürdig und der charakter eindimensional wäre, wenn kowalski nicht auch einmal gegen seine umwelt den Schwächeren ziehen würde.

  • Baaam Daaam 8. Dezember 2009 Reply

    Wow. Das sieht nach einem tollen Klassiker aus. Früher wurden sowieso die besseren Filme gedreht wie ich finde. Die besitzen noch eine Story, da begeistert der Film nicht nur durch Bildgewalt.

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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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