Literatur

Novemberlektüre

November, das heißt: Nebel. Schon am Mittag scheint die Sonne fast untergegangen sein. Weihnachten naht, aber irgendwie ist es doch noch eine Weile hin. Man beginnt sich schon wieder auf den Frühling zu freuen, dabei hat der Winter noch nicht einmal so richtig angefangen. Oder es heißt: Endlich mal wieder Zeit, sich mit einem guten Buch in seinem Lieblingssessel zu verkriechen. So lässt sich der November vielleicht halbwegs überstehen. Hier unterbreite ich euch jedenfalls ein paar Lesevorschläge:

Die dunklen Machenschaften der High Society – Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“

Darum geht’s: Philip Marlowe hat wieder einmal einen Auftrag erhalten: eine reiche Witwe beschuldigt ihre Schwiegertochter, eine wertvolle Münze aus ihrem Familienbesitz entwendet zu haben. Sowohl Schwiegertochter als auch Münze sind spurlos verschwunden – beides soll Marlowe auffinden. Doch die Suche wird von zahlreichen Hindernissen begleitet, denn: bei Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf…

Lesenswert, weil die Sprache Raymond Chandlers einfach großartig ist. Der Autor nimmt einen mit auf eine spannende Reise in die glanzvolle Welt der High Society, deckt aber gleichzeitig auch gnadenlos den Dreck hinter der Fassade auf. Chandler schreibt sehr anschaulich und lebensnah: wenn der gewiefte Detektiv Marlowe wieder einmal einem durchtriebenen Klienten begegnet, kann man die geschilderte Atmosphäre nahezu fühlen. Ein Buch wie ein guter Film – spannend, temporeich und vor allem: nichts ist, wie es scheint…

Kleiner Blick ins Buch:  

„Es gab zwei Fahrstühle mit offenen, vergitterten Schächten, aber nur einer schien in Betrieb zu sein, und auch das nicht allzu heftig. Ein alter Mann saß darin mit herunterhängender Kinnlade und trüben Augen, auf einem zusammengefalteten Stück Sackleinwand auf einem Holzhocker. Er sah aus, als sitze er seit dem Sezessionskrieg so da, und als habe er diesen schlecht überstanden. Ich stieg zu ihm ein und sagte: „Achter“, und er zog stöhnend die Schiebetür zu und setzte seinen Kasten in Betrieb und wir zuckelten nach oben. Der alte Mann atmete heftig. Es klang, als trage er den Fahrstuhl auf seinem Rücken nach oben.“

Das süße Nichtstun: Iwan Gontscharows „Oblomow“

Darum geht’s: Oblomow ist ein Müßiggänger. Am liebsten wickelt er sich in seinen Chalat ein, liegt den lieben langen Tag auf seinem Diwan und denkt nach. Oder tut einfach nichts. Von dem Lebenskonzept seines guten Freundes Stolz hält er so gar nichts: Gesellschaftlicher Umgang, oberflächliches Geplauder mit anderen Adeligen, Opern- und Theaterbesuche – nichts für ihn, denn „Wann soll man leben?“ Dann tritt jedoch die junge Olga in sein Lotterleben. Schafft sie es, ihn aus seiner Lethargie zu reißen?

Lesenswert, weil Oblomow einfach eine wunderbare und sehr menschliche Figur der Weltliteratur ist. Der Roman übt nicht nur indirekte Gesellschaftkritik, sondern transportiert – unterlegt mit zynischem Humor – die eine oder andere lebensphilosophische Frage. Welches Lebenskonzept führt tatsächlich zum Glück: das Konzept, welches Ehrgeiz und Tatendrang beinhaltet (Oblomows Freund Stolz) oder doch das Konzept, das nach familiärer Harmonie und Gemütlichkeit strebt (Oblomow)? Gontscharow ist zudem ein sehr guter Beobachter und weiß die Gefühlsregungen seiner Figuren anschaulich zu schildern. Ein echter Lesegenuss. Das 600 Seiten starke Werk ist wirklich schnell gelesen, so faszinierend ist es! (und nachher wird man nie wieder ein schlechtes Gewissen haben, wenn man einen Tag lang im Bett rumgegammelt hat – denn Hauptfigur Oblomow ist nämlich garantiert immer noch einen Zacken lethargischer! ;))

Kleiner Blick ins Buch:

„Kaum war er aufgewacht, nahm er sich vor, unverzüglich aufzustehen, sich zu waschen, Tee zu trinken, gründlich nachzudenken, dies und jenes zu erwägen, sich Notizen zu machen und sich überhaupt mit der Angelegenheit so zu beschäftigen, wie es sich gehört.
Dennoch blieb er noch eine halbe Stunde liegen und quälte sich mit diesem Vorsatz, bis ihm einfiel, dass er alles nach dem Teetrinken machen und den Tee wie gewöhnlich im Bett trinken könnte, zumal ihn ja nichts daran hinderte, auch im Liegen nachzudenken.
So tat er denn auch. Nach dem Tee richtete er sich tatsächlich in seinem Bett auf und wäre beinahe aufgestanden; als er seiner Pantoffeln ansichtig wurde, streckte er sogar das eine Bein aus dem Bett, zog es aber sogleich wieder zurück.“

(dass das mit dem Aufstehen noch etwas länger dauert, könnt ihr euch jetzt vielleicht auch denken! 😉 Sehr amüsant geschrieben!)

Dann wünsche ich viel Spaß beim Lesen! Ich freu mich natürlich auch über eure Lesevorschläge, die ihr gerne unter diesem Beitrag als Kommentar hinterlassen könnt. 🙂

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