Vermischtes

Berliner Episoden III – Genie und Wahnsinn

Ich habe das seltsame Gefühl, dass ich im Moment echt irgendwie zu viel U-Bahn fahre… (Bald folgt wieder ein Blogeintrag, der nichts mit sonderbaren Menschen zu tun hat, versprochen ;))
Hier ist jedesfalls eine neue Berliner Episode, diesmal aus der U1!

17.35 Uhr U1 Schlesisches Tor. Nirgends ein Sitzplatz in der U-Bahn frei – außer: neben einem älteren Herr in cremefarbenem kariertem Tweed-Anzug, der wirkt als wäre er einer anderen Epoche entsprungen. Er trägt eine altmodische braune Hornbrille, neben ihm auf dem Sitz liegt eine lederne Aktentasche. „Siebenundachtzig!“ brummelt er plötzlich unverwandt in seinen nicht vorhandenen Bart. Hat er gerade was gesagt? Die Fahrgäste gucken irritiert. Aber warum nicht! Gerade in Berliner U-Bahnen trifft man ja ständig auf Menschen, die scheinbar Selbstgespräche führen. Manchmal stellt sich dann heraus, dass der Fahrgast verkabelt ist und einfach nur mit einem Headset telefoniert. Aber sowas ist bei einem so stilvoll gekleideten, angegrauten Mann Ende 60 wohl nicht zu erwarten…
„Und dann dreißig! Fünfundvierzig! Sechsunddreißig!“, murmelt der Mann weiter. Er blickt dabei immer wieder wirr in der Gegend herum, mustert die anderen Fahrgäste, senkt den Kopf und flüstert dann wieder eine Zahl. Ein verwirrter Mathematikprofessor, der sich über eine komplizierte Rechenaufgabe den Kopf zerbricht? Ist er vielleicht ein Mensch, der nur außerhalb seiner eigenen vier Wände auf brillante Ideen kommt, der so vielleicht deshalb Tag für Tag die Strecke der U1 vom gutbürgerlichen Kudamm bis zur trendigen Warschauer Straße in Friedrichshain auf und ab fährt? „Nein! Nein! Hundertachtzig“, erhebt er plötzlich seine Stimme – und beginnt im nächsten Moment – ohne die Hand vor den Mund zu nehmen – lautstark zu gähnen: „Woooahaaaaa!“ Klar, soviel Rumjongliere mit Zahlen strengt an… (Dieses Verhalten wiederholt sich genau in dieser Reihenfolge die nächsten 10 Minuten.) Am Nollendorfplatz erhebt sich der Mann dann plötzlich schlagartig, greift hektisch nach seiner Ledertasche. Ein letztes Mal schreit er „Einhundertfünfundfünfzig!“, bevor er aus dem Waggon stürzt. Ob er gerade des Rätsels Lösung gefunden hat?

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    3 KOMMENTARE

  • Eine unterhaltsame Anekdote liebe Deborah – die besten Geschichten schreibt ja bekanntlich das Leben; bzw. liefert die Anstöße dazu. 155 – ist doch ein guter Einstieg dafür, oder? Herzlich, Daniela

  • felixag 15. März 2012 Reply

    Ach, ich liebe deine Berliner Episoden! Gerne mehr!

  • sommerdiebe 15. März 2012 Reply

    Danke!
    Hm, also genug U-Bahn fahr ich im Moment ja…werde weiter die Augen (und Ohren) offenhalten! 😉

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  • 7 Jahre war ich nicht dort: Marburg, die Stadt, in der ich 3 Jahre Literatur studiert habe. Es ist ein seltsames Gefühl, wieder durch die bekannten Gassen zu schlendern und sich an die "alten" Zeiten zu erinnern. Ja, ich merk schon, die Nostalgie ;) Nun bin ich also als ganz normaler Tourist zurückgekehrt
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