Film

Stranger Than Paradise (1984)

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Schon die erste Sequenz ist wie ein Gemälde. Am Rande eines großen Flughafens steht eine junge Frau, neben ihr zwei einzelne Gepäckstücke: Ein unhandlicher Reisekoffer, eine Papiertüte. Dem Zuschauer den Rücken zugewandt blickt sie auf das trostlos wirkende Flugfeld. Im nächsten Moment greift sie nach ihrem Gepäck, schaut verloren in der Gegend umher – und verschwindet dann langsam aus dem Blickfeld. Hinter ihr hebt ein Flugzeug ab. Schnitt. Es folgt: Ein paar Sekunden einfach nur schwarz. Dann erst kommt die nächste Sequenz, in der die junge Frau durch eine abgeranzte New Yorker Straße läuft und Musik hört: „I put a spell on you“, dröhnt es eindringlich aus ihrem Radio. Schnitt. Wieder schwarz.

Somit werden schon in den ersten Minuten drei wichtige Elemente eines typischen Jim Jarmusch-Films abhandelt: eine einsame Figur, stilvolle Schwarzweißbilder, einprägsame Musik. Es ist vor allem diese melancholisch-nachdenkliche Grundstimmung, die sich durch das Werk des bekannten Independent-Regisseurs zieht – und mit dem er einen immer wieder zu beeindrucken weiß. Denn die Handlung kann auch bei seinem zweiten (Low-Budget)-Film „Stranger Than Paradise“ nur als nebensächlich angesehen werden – und ist in wenigen Sätzen erzählt.

Der New Yorker Hipster Willie (John Lurie) lebt einfach so in den Tag hinein, haust in einem schmuddeligen New Yorker Appartement und entfernt sich höchstens mal für kleine Einkäufe von seinem Lieblingsplatz vor dem Fernseher. Dies wird anders, als überraschend seine Cousine Eva (Eszter Balint) aus dem fernen Ungarn für ein paar Tage zu Besuch kommt. Die beiden verstehen sich nicht sonderlich gut, dennoch entschließt sich Willie – nach einem hohen Pokergewinn – sie gemeinsam mit seinem besten Kumpel Eddie (Richard Edson) im fernen Cleveland zu besuchen. Die drei gewöhnen sich immer mehr aneinander und beschließen schließlich kurzerhand mit dem restlichen Geld eine Reise zu ihrem Sehnsuchtsort, dem sonnigen Florida, zu unternehmen.

Wie so oft bei Jim Jarmusch-Filmen werden lediglich banale Alltagsgeschichten erzählt. Es wird nur sehr selten auf das Innenleben der Figuren eingegangen, vielmehr werden sie so gezeigt, wie sie sind – und wie sie auf ihre Umwelt wirken bzw. wirken wollen. Da ist der ständig unglaublich cool dreinblickende Willie, der sich lässig eine Zigarette nach der anderen anzündet und dabei blasiert in die Welt schaut. Sein Kumpel Eddie scheint auch nur wenig mit seinem Leben anfangen zu können, lässt alles einfach auf sich zukommen, ohne groß über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. Die dritte im Bunde, Eva, ist die jüngste von allen, möchte sich nicht mehr bevormunden lassen und ihre Träume verwirklichen – wird aber auch hier bald von der Realität eingeholt. Oberflächlich betrachtet stellt also jede der Figuren einen bestimmten Typus dar: der coole Draufgänger, der lockere Kumpeltyp und das kratzbürstige Mädchen. Doch bei jedem von ihnen blitzt ab und an auch mal das hervor, was hinter der Fassade steckt, die sie sich mit großer Mühe aufgebaut haben. Das macht diese eigentlich doch recht alltäglichen „Normalo“-Figuren für einen als Zuschauer wieder interessant.

Auch werden die Figuren, wie so oft bei Jim Jarmusch, durch Orte charakterisiert. Wenn Willie, Eddie und Eva mit ihrem Auto durch öde Landschaften fahren, wird in erster Linie auch ihre eigene Orientierungslosigkeit und innere Leere aufgezeigt. Wenn selbst das gelobte Land Florida nur mit kargen Küsten und einem Motel in einer Gegend die man schlichtweg nur als „in the middle of nowhere“ beschreiben kann, aufwarten kann, ist das zweifelsohne als ein deutlicher Hinweis auf das Seelenlage der Figuren anzusehen. Überhaupt wird das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in all seiner Hässlichkeit und Unkultiviertheit gezeigt. In „Stranger Than Paradise“ ist Amerika in erster Linie ein Land, das nur aus trostlosen Industriestädten und ranzigen Drive-Inns besteht, ein Land, in dem das Abendessen in der Regel ein Fertiggericht ist und lieblos in vorgefertigte Plastikschalen gepresst wird. Dies sei ein „TV-Dinner“, erklärt Willie einmal seiner Cousine stolz. Es scheint für ihn, als gebürtiger Ungar, einer der wenigen Aspekte in seinem Leben zu sein, wo er sich schon voll und ganz als Amerikaner fühlt. Diese Thematik wird wie so vieles aber nur in der Schwebe gelassen.

Jarmuschs Vorgehensweise, Figuren einfach nur in ihrer Alltäglichkeit zu zeigen und etwa über Orte zu charakterisieren, macht es einem als Zuschauer ohne Frage nicht leicht, einen Zugang zum Gesehenen zu bekommen. Auch die sehr experimentelle Technik die jeweiligen Episoden durch harte Schnitte (die erwähnten Schwarzblenden) voneinander zu trennen, trägt nicht gerade dazu bei, in den Film einzutauchen. Hat man sich aber erst einmal an die langsame Erzählweise Jim Jarmuschs gewöhnt, wird man für sein Durchhaltevermögen ohne Zweifel mit einem innovativen und atmosphärischen Independentfilm-Erlebnis belohnt. Die Filmkritiker in Cannes sahen das 1984 wohl auch so – und belohnten Jarmuschs „Stranger Than Paradise“ mit einer goldenen Palme für den besten Debütfilm!

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    1 KOMMENTAR

  • […] Wer parallel auch noch mein Filmblog verfolgt, wird gemerkt haben, dass dieses in letzter Zeit etwas seltener gepflegt wurde. Da Sonne bekanntlich kreativ macht – und ich endlich mal wieder dazu gekommen bin, einen Film von vorne bis hinten zu schauen (und nicht wie bei meiner derzeitigen Arbeit in 8-facher Geschwindigkeit), gibt es jetzt auch mal wieder eine Rezension von mir zu lesen. Schaut also vorbei – im Farbfilmblog! […]

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