Kunst & Fotografie

Kleine Typologie des Ausstellungsbesuchers

Kleine Typologie des Ausstellungsbesuchers

Auf dem letzten Drücker war ich jetzt doch noch in der großen Gerhard Richter-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Recht sehenswert. Vor allem die eher bildlichen und weniger abstrakten Darstellungen (z.B die Betty-Porträts oder das Bild „Seestück“), die sich sehr stark an die Fotografie anlehnen, haben mich beeindruckt.

In erster Linie musste ich aber vor allem wieder folgendes feststellen: Neben der Kunst ist es vor allem auch interessant, welche Art von Menschen in Kunstausstellungen anzutreffen sind. Denn egal, was man tut und wo man hingeht – in jeder Ausstellung begegnen einem eigentlich immer ein und dieselben Typen. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere ja auch selbst ein kleines Stückchen wieder (man muss ja auch mal über sich selbst lachen können ;)) Hier also meine kleine Typologie des Ausstellungsbesuchers:

Der Kunststudent

Verhaltensweisen:

Der Kunststudent ist meist ziemlich extravagant angezogen, trägt auffällige Accessoires (Hornbrille, Vintage-Umhängetasche…) und – wenn weiblich – auffälligen knallroten Lippenstift. Diese Sorte von Ausstellungsbesuchern betrachtet die Bilder sehr intensiv, geht (unter den kritischen Blicken der Museumswärter) teilweise erschreckend nah an die Gemälde heran, starrt minutenlang auf den vom Maler natürlich einfach virtuos umgesetzten Pinselstrich. Seine unglaubliche Begeisterung muss er selbstverständlich gleich lautstark mit seinem/r Begleiter/in teilen.

Lieblingssätze:

– „Was für ein Grau! Diese tiefe Zerrissenheit des Künstlers manifestiert sich in diesem Farbton. Spürst du nicht auch diesen tiefe Skepsis gegenüber der menschlichen Existenz, die tiefen Selbstzweifel, die der Künstler mit diesem Werk ausdrücken möchte?“
– „Man muss sich einfach mal die unglaubliche Abstraktionsebene dieses einmaligen Künstlers bewusst machen. Phänomenal!“

Der Technikjunkie

Verhaltensweisen:

Der Technikjunkie, meist männlich, würde nie im Leben eine Kunstausstellung ohne einen Audioguide betreten. Er liebt es, die Ansichten schlauer Kunsthistoriker zu hören und neben der Betrachtung der Gemälde mit einem Finger lässig auf dem Touchscreen des i-Pods umherzuwischen. Sein zweitwichtigstes Equipment ist eine handliche Digitalkamera oder ein Handy, mit dem er exzessiv Fotos macht. Damit er zuhause auch schön noch von seinem Ausstellungsbesuch berichten kann…

Lieblingssätze:

– „Geh doch schon mal weiter. Ich wollte noch die Nr. 103 zu Ende hören.“
– „Geil! Das muss ich gleich mal bei Facebook posten!“

Der Belesene

Verhaltensweisen:

Der Belesene, meist im mittleren Alter, ist schon weit vor der Ausstellung bestens über das Leben und das Werk des Künstlers informiert, war schon in zahlreichen europäischen Großstädten, wo in Vergangenheit bereits mehrere Ausstellungen des Künstlers stattfanden. Sowieso bucht er Urlaubsreisen nur nach dem Kriterium, wo gerade eine Retrospektive oder Werkschau seines Lieblingskünstlers zu sehen ist. Von diesem hat er schon mehrere Kunstbildbände im gut gefüllten Bücherregal stehen – der Besuch dieser Ausstellung soll das Ganze jetzt eigentlich nur noch abrunden. Der Belesene ist sehr kommunikationsfreudig und lässt sich während des Ausstellungsbesuchs gerne in Gespräch mit anderen Kunstbegeisterten verwickeln – endlich mal eine Gelegenheit sein Wissen mitzuteilen!

Lieblingssatz: „Ach, klar doch. Das Gemälde hier entstand, als er schon aus der DDR weg gegangen war. Das hab ich schon mal in Paris im Centre Pompidou gesehen. Waren Sie da auch? Nicht? Ach..schade. Die Ausstellung war grandios! (seufzt) 1994 war das…auch schon wieder ein paar Jährchen her!“

Der Verträumte

Verhaltensweisen:

Der Verträumte geht in die Ausstellung und ist Minuten später schon in seiner eigenen Welt abgetaucht. Diese ganzen Menschen um ihn herum gehen ihm furchtbar auf die Nerven. Da kann man ja überhaupt nicht in Ruhe gucken! Aber er blendet sie einfach aus, konzentriert sich auf die Kunst. Manchmal ist er so in Gedanken versunken, dass er in andere Leute reinrennt. „Entschuldigung“ sagt er an diesem Tag überdurchschnittlich oft. Am Schluss ist er wieder froh, aus dem Menschengedränge raus zu sein.

Lieblingssatz: „Entschuldigung.“

Der Schüler

Verhaltensweisen:

Der Schüler, oft in der schlimmsten Pubertätsphase, ist genervt – und tut dies auch lautstark kund. Da ist man schon mal in Berlin, am Potsdamer Platz – und dann muss einen die nervige Lehrerin auch noch in so eine öde Ausstellung schleppen. Und dann diese Führerin, labert und labert! Unmöglich! Der Schüler stellt auf Durchzug, lästert über die (seiner Meinung nach) völlig sinnlosen Farbkleckse und tippt gelangweilt auf seinem Smartphone rum – nach gut einer Stunde ist er wieder frei! Die Museumsführerin sagt endlich die goldenen Worte: „So, damit wäre die Führung vorbei. Wünsche euch noch einen schönen Tag in Berlin!“

Lieblingssätze:

– „Boah, ey. Wie lange geht denn das jetzt noch?“
– „Wie ätzend! Drei Farbkleckse auf einem weißen Hintergrund! Das kann ich doch auch…“

Habe ich einen wichtigen Typus vergessen? Als welche Art von Ausstellungsbesucher seht ihr euch? Freue mich über Kommentare und Ergänzungen 😉

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    1 KOMMENTAR

  • freudefinder 10. Mai 2012 Reply

    köstlich gezeichnete Menschen – ich hätte noch den Typ „Was schaut ihr auf die Bilder, schaut doch wie gut ich aussehe“ der zur Vernissage geht um das neue Kleid auszuführen mit dem Rücken zur Wand

    oder den Typ wenn z.B. Pre-Opening mit Geschäftsleuten stattfindet: Dann kann ich endlich GF Meier ansprechen, an den ich sonst nie rankomme und ihm sagen, wie toll ich das Bild hinter ihm finde.

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  • Was für ein inspirierender #Instawalk vorhin im Deutschen Historischen Museum. Hier ist jetzt eine Ausstellung zur Russischen Revolution 1917 angelaufen. Ein paar ausgewählte Blogger/Instagrammer/ Twitterer ..whatever..durften heute an einer exklusiven Kuratorenführung teilnehmen. Danke für die Einladung, @dhmberlin, hat Spaß gemacht! :) .
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  • Sonntags ins Museum, kann man doch auch mal wieder machen. Vor allem, wenn es sich um so ein Schönes handelt. Und #Picasso geht eigentlich auch immer.
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  • #buchpassion Challenge, heute mal kurz und knackig. Mein Lieblingsautor? Truman Capote selbstverständlich! ;)
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  • Schon Tag 4 bei #buchpassion von @kaprizioesblog.
Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
Mit "Jeder soll"-Formulierungen bin ich sonst eher vorsichtig. Die Geschmäcker sind einfach zu verschieden.
Ich lege Euch dennoch heute Michel Houellebecqs  vieldiskutiertes Werk #Unterwerfung ans Herz. Mit der Schilderung von instabilen politischen Systemen, Themen wie Islamhass & Populismus und einem einsamen Helden auf der Suche nach Sinn passt dieser visionäre Roman erschreckend gut in unsere heutige Zeit. Tiefgründig & vielschichtig. Mich hat der Roman noch lange nachdenklich gestimmt.
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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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