Film

Sleep Tight (2011)

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Nichts ist, wie es scheint. Dies wird schon zu Beginn von Sleep Tight (Original: Mientras duermes), dem neuen Psychothriller des spanischen Regisseurs Jaume Balagueró klar. Der Protagonist César, der als Portier und Hausmeister in einem Mietshaus arbeitet, gibt sich tagsüber den Bewohnern des Hauses als Gutmensch, als netter Mann von nebenan, der gerne mal kleine Gefälligkeiten übernimmt. Doch hinter dieser Fassade schlummert viel mehr, als jemals einer ahnen könnte. Von tiefen Selbstzweifeln und starken Anfällen von Depressionen erschüttert steht er oft kurz vor dem Suizid, weil er einfach keinen Sinn in seinem Leben findet. Schon in der ersten Szene sieht man ihn einsam auf einem Häuserdach stehen: „Glücklich sein. Mir fehlt die Fähigkeit, glücklich zu sein.“ Eben weil er nicht glücklich sein kann, kann er das Glück seiner Mitmenschen nicht ertragen. Sie sollen leiden wie er! Wie passend, dass er als Hausmeister Zugang zu allen Wohnungen hat und so das Leid der anderen vermehren kann.

Seit geraumer Zeit ist ihm vor allem die bildhübsche Clara (Marta Etura) ein Dorn im Auge. Jeden Tag auf’s Neue begrüßt sie ihn wieder mit einem strahlenden Lächeln, einem Lächeln, dass er ihr austreiben will. Mit immer drastischen Mitteln dringt er in ihre Wohnung, in ihre Privatsphäre ein, mit dem einzigen Ziel, ihr ihre Unbeschwertheit zu nehmen und ihr das Leben zur Hölle zu machen. Seine Boshaftigkeit steigert sich ins Unermessliche. Tagsüber belästigt er sie mit schlüpfrigen Liebesbriefen, SMS-Nachrichten und E-Mails, dringt in ihre Wohnung ein, um dort allerhand krankhafte Maßnahmen zu ergreifen, um jeden Fitzel Glück aus ihrem Alltag zu vertreiben. Und abends, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt  – lauert er schon in ihrem Schlafzimmer…

Die Art und Weise, wie die perfiden Machenschaften des Psychopathen César gezeigt werden, ist ohne Frage sehr packend und beklemmend. Als Zuschauer weiß man immer mehr als die Menschen, die er belästigt. Wir kennen beide Gesichter dieses Mannes, der nur glücklich sein kann, wenn andere unglücklich sind. Luis Tosar spielt ihn mit beeindruckender Intensität und vermag beide Seiten dieser krankhaften Persönlichkeit überzeugend darzustellen. Schnell fühlt man sich sogar dabei ertappt, mit César mitzufühlen. In äußerst brenzligen Situationen, in denen seine grausamen Manipulationen endgültig aufzufliegen scheinen, hofft man, dass er noch einmal davonkommen wird. Er tut es – und man fragt sich selbst, wie man mit einer derartig durchtriebenen und kaltherzigen Person sympathisieren konnte, werden doch seine Maßnahmen gegen seine Mitmenschen immer perverser.

Trotz der großen Spannung weist Sleep Tight jedoch auch kleine inhaltliche Schwächen auf. Gerade die Motivation des Psychopathen bleibt stellenweise fragwürdig, vor allem da nicht geklärt wird, wie er derartig kaltblütig werden konnte, welches Schlüsselerlebnis in der Vergangenheit ihn in so negativer Weise verändern konnte. Auch stellt sich teilweise die Frage, wie die Bewohner des Mietshauses, vor allem Clara, die ja Césars Hauptopfer ist, von den Manipulationen in ihrer Wohnung so wenig mitbekommen. Gerade in einer Wohnstruktur wie in Spanien, in der anscheinend ein Portier/Hausmeister tatsächlich Schlüssel zu allen Wohnungen hat (beängstigend!), würde doch der Verdacht sehr schnell auf eben diesen fallen.

Nichtsdestotrotz wartet Sleep Tight ohne Frage mit großartigen schauspielerischen Leistungen, einer nervenaufreibenden Story und einer äußerst schauerlichen Atmosphäre auf, ohne jemals plump zu wirken – somit ist ein beklemmender Kinogenuss, der noch eine Weile nachwirkt, garantiert! Spätestens, wenn man abends vor dem Schlafengehen lieber nochmal einen Blick unters Bett wirft, weiß man, dass der Film seine Wirkung nicht verfehlt hat…

Ab 5. Juli im Kino!

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    4 KOMMENTARE

  • […] grausamen Machenschaften seltsamerweise sogar Sympathie entgegenbringt…aber lest selbst: meine Rezension im Farbfilmblog! Los, los, los!

  • schurmurr 4. Juli 2012 Reply

    Sehr inspirierende Filmbesprechung, macht Lust auf den Film.

  • Grissi 4. Juli 2012 Reply

    Der Film ist gut inszeniert und Tosar spielt super, nur leider ist das Resultat ein Film, der irgendwie wenig Spaß macht. Er lässt nur Tosar für die Identifikation zu, steigt aber nicht tiefer in seine kranke Welt ein, wie das vielleicht von Trier getan hätte, sondern verschreibt sich dem Oberflächenthrill des Geheimnisträgers.

  • Chris 4. Juli 2012 Reply

    Super Filmbesprechung wie ich finde! Kannte den Film noch nicht. Werde mir den aber wohl mal notieren und bei Gelegenheit mal gucken. Danke!

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  • Der Sommer ist fast vorbei. Schnell nochmal auf die Liegewiese - natürlich mit Buch!

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  • Danke an @snu_snu fürs Taggen (#openbooks). Meine momentane Balkonlektüre: Joseph Brodskys #Venedig-Reiseerinnerungen "Ufer der Verlorenen". Hab ich aus dem Müll (!) gefischt.. Wer macht denn sowas? Liest sich schön, wenn der Autor auch einen sehr ausschweifenden blumigen Stil hat. Allerdings interessante Venedig-Impressionen. Bekomme große Lust mal im Winter in die Lagunenstadt zu reisen. Dann soll die Stadt laut Brodsky besonders eindrucksvoll sein. (Und schön menschenleer) Ob das heute noch so ist? Das Buch ist immerhin von 1989. ;)
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