Film

Der Geschmack von Rost und Knochen (2012)

Harte Schale, weicher Kern – auf Ali, eine der Hauptfiguren in dem französischen Drama mit dem sperrigen Titel „Der Geschmack von Rost und Knochen“, trifft das sehr gut zu. Ohne Geld, Plan, aber mit kleinem Sohn im Schlepptau bricht er nach Südfrankreich auf, um sich dort durchzuschlagen, wie er es bisher wohl immer gemacht hat. Vater und Sohn ziehen kurzerhand bei Alis Schwester ein, die sicher auch gerade andere Sorgen hat, als noch zwei weitere Personen durchzufüttern. Ali (Matthias Schoenaerts) heuert zunächst als Türsteher an, wo er eines Abends bei einem Handgemenge die attraktive Stéphanie (Marion Cotillard) kennenlernt. Spätestens an dieser Stelle sollte man darauf hinweisen, dass es sich bei diesem Film um eine Liebesgeschichte handelt! Was nun kommt, fällt deutlich aus dem Rahmen. Denn kaum haben sich die beiden Hauptpersonen kennengelernt, folgt auch schon ein schwerer Schicksalsschlag. Stéphanie arbeitet als Killerwal-Trainerin. Ihr Job ist ihre Passion, ihr Leben. Dies wird mit einem Mal anders, als sie bei der Arbeit einen schweren Unfall hat. Sie wacht im Krankenhaus auf, ihre beiden Beine sind amputiert, für die junge Frau ist jede Hoffnung verloren. Ist nun endgültig Schluss mit dem schönen Leben?

Erst Monate später – Stéphanie hat sich hinter Gardinen verschanzt, möchte das Haus nicht mehr verlassen, sieht auch keinen wirklichen Sinn mehr in ihrem Leben – fasst sie sich doch ein Herz und meldet sich bei Ali. Ali ist es im Folgenden, der sie zu einem Spaziergang an den Strand überredet, der sie zurück ans Sonnenlicht, zurück ins Leben zerrt. Und dabei ist er ein sehr zwiespältiger Charakter! Seinen Sohn vergisst er schon mal von der Schule abzuholen, wenn ihm wieder eine kurzweilige Frauenbekanntschaft dazwischenkommt. Wenn er ihm zu sehr herumquengelt, bekommt dieser schon mal eine Ohrfeige ab. Es wirkt nahezu paradox, dass dieser emotionale Eisblock, der sich in seiner Freizeit auf zwielichtige Straßenboxkämpfe einlässt, die Rettung dieser durch ihren Unfall zutiefst verunsicherten Frau ist!

Und trotz dieser harten Fassade, die Stéphanie auch das eine oder andere Mal zu spüren kommt – etwa wenn Ali sie mit anderen Frauen betrügt oder sich in erwähnten Boxkämpfen fast zu Tode prügeln lässt – sie scheint etwas in ihm zu sehen, was für andere verborgen zu sein scheint. Ihre Beziehung ist zunächst eher körperlich orientiert, entwickelt sich dann aber zu einem intimen Verhältnis, in dem ein tiefes Verständnis füreinander vorzuliegen scheint. Mit Stéphanie und Ali, zwei Figuren, die gegensätzlicher nicht sein könnten, hat Jacques Audiard ohne Frage ein sehr faszinierendes Paar geschaffen. Es macht Mut zu sehen, wie eine Frau, die am Ende ihrer Kräfte ist wieder aufsteht, weitermacht, sich nicht mehr darum kümmert, was andere über sie denken. Während etwa zur gleichen Zeit die harte Fassade des Machos Ali zu bröckeln beginnt.

Jacques Audiard wäre nicht Jacques Audiard, wenn er nicht noch tiefgreifende soziale Problematiken eingewoben hätte. Bereits in seinem Vorgängerfilm, dem Gefängnisdrama„Ein Prophet“, hatte er ja bereits sein Gespür für (kriminelle) Machtstrukturen und -diskurse bewiesen. In „Der Geschmack von Rost und Knochen“ sind diese immer wieder unterschwellig vorhanden, werden oft nur angedeutet – was man zum einen als Stärke, aber vielleicht auch als große Schwäche des Films ansehen kann. Viele Nebenhandlungsstränge, so besagte Vater-Sohn-Beziehung, das gestörte Verhältnis zur Schwester oder auch gesamtgesellschaftliche Problematiken, in die Ali bei seiner Tätigkeit als Wachmann verwickelt wird, geraten oft zu sehr in den Hintergrund. Dies ist aber vermutlich damit zu begründen, dass dem Regisseur die Beziehung zwischen Ali und Stéphanie einfach wichtiger war. Auch über das Ende des Films, das jetzt nicht verraten sei, lässt sich sicher streiten. Im Großen und Ganzen hat Audiard, das bleibt außer Frage, einen berührenden, sehr ungewöhnlichen und vor allem im weitesten Sinne gänzlich unsentimentalen Liebesfilm geschaffen. Dies liegt nicht zuletzt an den beeindruckenden schauspielerischen Leistungen von Matthias Schoenaerts und Marion Cotillard.

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    4 KOMMENTARE

  • […] allein weil er es trotz seiner Thematik schafft, weitestgehend ohne Sentimentalität auszukommen. Meine ausführliche Rezension lest ihr wie immer im Farbfilmblog.Schönes Wochenende! Eure Deborah Share this:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste […]

  • christoph 25. Januar 2013 Reply

    ich habe den film gestern auch gesehen und fand besonders die szene mit der walshow sehr gut. ich spürte schon, dass etwas passieren wird. diese großen, gefährlichen tiere…
    ein auf jeden fall sehenswerter film.

  • […] Cinema Forever: Les Misérables – Hugh Jackman zwischen Leidenschaft und Revolution Farbfilmblog: Der Geschmack von Rost und Knochen Filme-Blog: Die Frau in Schwarz buecher.de: Filmtipp: The Last Stand Abgehört: Die wichtigsten CDs […]

  • Jasmin 25. Januar 2013 Reply

    Ich fand den Film super und würde mir den jeder zeit wieder anschauen. Keine typischer Liebesfilm aber dennoch einer. Absolut sehenswert.

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