Film

Die Jagd (2012)

Die Jagd

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg, der sich vor allem durch seinen Dogma-Film „Das Fest“ einen Namen gemacht hat, wagt sich mit seinem neuen Werk „Die Jagd“ an ein gesellschaftliches Tabuthema: Kindesmissbrauch. Der Kindergärtner Lucas (Mads Mikkelsen), der nach einer schweren Scheidung und einer gescheiterten Laufbahn als Lehrer endlich wieder Boden unter den Füßen gewinnt, scheint eben diesen wieder zu verlieren. Die kleine Tochter seines besten Freundes Klara (Annika Wedderkopp) setzt nach einer Kränkung eine folgenschwere Lüge in die Welt. Sie behauptet, dass Lucas vor ihr sein Geschlecht entblößt hat. Die Kindergärtnerin (Susse Wold), der Klara diese kleine Geschichte mit fatalen Folgen berichtet, weiß zunächst nicht, wie sie damit umgehen soll. Ist das nur eine Schilderung eines Kindes, das eine allzu blühende Phantasie hat? Kann ein Kind in diesem Alter sich überhaupt schon solche Dinge ausdenken? Sie zieht einen Psychologen zu Rate, der Klara nochmal befragt Dieser ist dabei aber bereits sehr voreingenommen. Klara braucht eigentlich bloß nochmal kurz zu nicken, um ihre Geschichte zu bestätigen. Die Möglichkeit, ihre Lüge zurückzunehmen, bleibt ihr bei so viel Suggestivfragen gar nicht mehr. Lucas ist endgültig als Kinderschänder gebrandmarkt! Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Lucas weiß gar nicht recht, wie ihm geschieht. Von einem Tag auf den anderen verliert er seine feste Arbeitsstelle im Kindergarten, wird von Freunden und Dorfgemeinschaft gemieden, beschimpft, drangsaliert. Selbst im örtlichen Supermarkt reagiert man aggressiv, schlägt ihn zusammen, erteilt ihm Ladenverbot. Die Jagd ist eröffnet!

Vinterbergs Film präsentiert von Anfang an eine Figur, die unschuldig ist und ohne ihr Zutun alle Sicherheiten verliert. Und was es noch viel schlimmer macht: machtlos ist. So sehr sich Lucas auch windet, das Gespräch sucht, die ganze Angelegenheit friedlich klären will, die Dorfgemeinschaft gibt ihm gar nicht die Chance sich zu verteidigen und ist wie verbrettert. Sie scheint geradezu sehen zu wollen, dass dieser Mann Kinder missbraucht hat, lässt keine andere Meinung zu. Dies macht „Die Jagd“ unglaublich intensiv und aufwühlend. Als Zuschauer fiebert man mit dem Sympathieträger Lucas mit und erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Wut, Mitleid, Schmerz, Fassungslosigkeit. Manchmal möchte man diese verbohrten Menschen auf der Leinwand am liebsten einfach nur noch schütteln und anschreien: „Guckt doch mal genauer hin! Ihr ruiniert gerade das Leben eines Unschuldigen!“

Auch führt „Die Jagd“ eindrucksvoll vor Augen, wie schnell ein Gruppenwahn entstehen und dazu führen kann, das Andersdenkende ausgegrenzt werden. Sobald sich eine Meinung in einer Gesellschaft erstmal verfestigt hat, ist es für den Einzelnen schwer, sich wieder von dieser frei zu machen. Es ist eben doch immer leichter mit dem Strom zu schwimmen, sich auf die Seite der Mehrheit zu schlagen,  als sich ernsthaft mit anderen Positionen auseinanderzusetzen und gefestigte Behauptungen zu hinterfragen. Denn ernsthaft: Wer will sich schon auf die Seite eines vermeintlichen Kinderschänders schlagen? Dass man es in diesem Film tut, ist sicher eine Ausnahme und eröffnet für den Zuschauer den großen Fragenkomplex: Wie hätte man sich selbst verhalten? Wäre man in einer solchen Gemeinschaft wirklich zu einer differenzierten Meinung fähig gewesen? Mit einem unguten Gefühl in der Magengrube, einem Kopf voller weiterer Fragen entlässt Vinterberg den Zuschauer aus dem Kino. Und mit dem Gefühl, ein grandios gespieltes und überaus packendes Sozialdrama gesehen zu haben.

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    2 KOMMENTARE

  • […] magisch zu Cinema Forever: Dead Man Down – Als die Vendetta salonfähig wurde Farbfilmblog: Die Jagd Kino Filme Blog: Filme streamen mit Smartphone und Tablet Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche […]

  • Yvonne 2. April 2013 Reply

    Ein absolut sehenswerter Film, der Menschen in einem echten Dilemma zeigt: Wie kann man einem Kind, das eine solche Anschuldigung ausspricht, nicht glauben? Wie soll man aus diesem einmal ausgesprochenen Zweifel wieder zurück? Die Geschichte beschäftigt einen noch lange nach dem Sehen – absolut empfehlenswert.

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  • Sonntags ins Museum, kann man doch auch mal wieder machen. Vor allem, wenn es sich um so ein Schönes handelt. Und #Picasso geht eigentlich auch immer.
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