Literatur

Literatur in 300 Wörtern (12): Ljudmila Ulitzkaja – Die Lügen der Frauen

Bedeutende Schriftsteller der Weltliteratur: Dostojewski, Tolstoi, Tschechow…ja, diese Aufzählung könnte man noch endlos weiterführen, denn: die Russen haben es – schlicht gesagt – literarisch einfach drauf! Aber wie so oft, musste ich feststellen, dass ich über die moderne, aktuelle (!) Literatur in diesem Land eigentlich viel zu wenig weiß. In den Semesterferien fiel mir zufällig ein Werk der Moskauer Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja in die Hände. Da mein Blog derzeit ja gerade wieder im Begriff ist, ein wenig Staub anzusetzen (und dies natürlich auf keinen Fall passieren darf!), lest ihr jetzt eine neue Folge „Literatur in 300 Wörtern“.

Ljudmila UlitzkajaInhalt in 3 Sätzen: Die Moskauerin Shenja ist ein Mensch, dem alle gern ihr Herz ausschütten: immer wieder muss sie jedoch auch erfahren, dass nicht alles, was ihr voller Dramatik geschildert wird, der Wahrheit entspricht. Die Frauen, die Shenja ihr Leid berichten, haben sich oft schon ein scheinbar sicheres Gerüst von Lebenslügen geschaffen, von dem sie nicht wieder so leicht abrücken können. Als Shenja eines Tages selbst ein schwerer Schicksalsschlag ereilt, wird auch sie vor die Entscheidung gestellt: lügen oder zu dem Geschehenen stehen?

Lieblingszitat:In diesem Augenblick kam Ljuda herein, graziös schwankend, mit einer leichten Drehung vor jeder Türklinke. Sie stürzte in eine Kabine, erbrach sich und pinkelte. Dann kam sie heraus. Die Toilettenfrau drückte ihr sofort ein Glas in die Hand. Ljuda spülte sich den Mund und sprühte Mundspray hinein. Sie setzte sich auf die Chaiselongue. Ihr Blick fiel auf Shenja, und schlagartig war jegliche Freundlichkeit von ihrem Gesicht weggewischt wie ein Make-up. Sie zündete sich eine Zigarette an, verzog das Gesicht zu einer Grimasse und sprach Shenja plötzlich im Ton einer Straßennutte an: ‚Was machst du hier? Von wem wirst du bezahlt? Was willst du überhaupt?‘ Wie häufig bei Betrunkenen, war ihre Stimmung offenbar abrupt umgeschlagen, und Shenja antwortete sanft: ‚Ich schreibe ein Filmskript, Ljuda, über russische Mädchen in Zürich. Und du bist hier die Heldin, alle reden von dir – Ljuda aus Moskau…‘“

Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja wirft in ihrem Buch einen Blick in die Psyche geschundener weiblicher Seelen. Eine rechte Einordnung, was man vor sich hat – Kurzgeschichtenband, Erzählzyklus oder Roman – ist recht schwierig, da die 6 Kapitel alle für sich allein stehen könnten, gleichzeitig aber auch immer die charismatische Hauptfigur Shenja vorkommt. Die geschilderten lügenden Frauen werden nie bloßgestellt, sondern stets mit einem liebevollen Blick charakterisiert. Sie alle trotzen dem grauen, eintönigen Alltag, indem sie sich in Traumwelten flüchten, sich ihre eigenen Realitäten erfinden. Gleichzeitig wissen sie stets, dass ihre Luftschlösser ebenso schnell wie sie errichtet wurden auch wieder einstürzen können.

Dieses Buch ist für Leser, die sich für zeitgenössische russische Literatur interessieren. Ljudmila Ulitzkaja entführt den Leser in ihrem ungewöhnlichen Prosawerk in fremde russische Lebenswelten und beweist eine beeindruckende Beobachtungsgabe. Auf dass diese bemerkenswerte literarische Stimme noch von vielen Lesern gehört werde!

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