Literatur

Literatur in 300 Wörtern (13): Erich Kästner – Fabian. Die Geschichte eines Moralisten

Schon eine Weile her, dass ich im Rahmen meiner Serie „Literatur in 300 Wörtern“ eine Rezension verfasst habe. Muss ja zugeben, dass ich Erich Kästner vor meiner Lektüre seines Romans „Fabian“ schon eher in die Kinder-/Jugendliteratur-Sparte einsortiert hatte. Da wurde ich jetzt aber eindeutig eines Besseren belehrt: Kästner beherrscht auch das ernste Fach! „Fabian“ ist auf jeden Fall keine leichte Kost, musste das Buch das eine oder andere Mal beiseite legen – weil das Geschilderte zutiefst deprimiert und zwischen den Zeilen jede Menge (unbequeme) Wahrheiten durchschimmern. Wie auch immer – eine dringende Leseempfehlung sei hiermit ausgesprochen!

Erich Kästner - Fabian

Inhalt in 3 Sätzen: Berlin, Anfang der 30er Jahre: Der Werbetexter Jakob Fabian lässt sich, nachdem er sowohl seinen Job als auch seine Freundin verloren hat, durch die Großstadt treiben. Ob zwielichtige Bars, Nachtlokale, Bordelle oder Zeitungsredaktionen, überall ist er mit der grenzenlosen Heuchelei und Verlogenheit der Menschen konfrontiert. Nach und nach muss auch Fabian, hoffnungsloser Idealist und Tagträumer, sich eingestehen, dass in dieser von Krisen erschütterten Welt nur der existieren kann, der sich von seinen moralischen Grundsätzen endgültig verabschiedet.

Lieblingszitat:

„Als er aus dem Bahnhof trat und wieder diese Straßenfluchten und Häuserblöcke vor sich sah, dieses hoffnungslose, unbarmherzige Labyrinth, wurde ihm schwindlig. Er lehnte sich neben ein paar Gepäckträgern an die Wand und schloß die Augen. Doch nun quälte ihn der Lärm. Ihm war, als führen die Straßenbahnen und Autobusse mitten durch seinen Magen. Er kehrte wieder um, stieg die Treppe zum Wartesaal hinauf und legte dort den Kopf auf eine harte Bank.“

Erich Kästner entwirft mit seinem Roman ein eindrückliches Großstadtporträt, das von einer zutiefst pessimistischen und resignativen Atmosphäre durchsetzt ist. In der dargestellten Lebensumgebung vermag man sich nur durchzusetzen, wenn man sich den Gegebenheiten fügt und die Moral ausklammert. Nicht Talent kommt weiter, sondern der, der sich und seine Person am besten verkauft. So geht etwa Fabians (Ex-)Freundin mit einem Filmproduzenten ins Bett, um ihre Berufschancen erheblich zu verbessern. Andere Figuren, wie etwa Fabians bester Freund Labude, können sich mit dem Niedergang der Kultur nicht arrangieren und setzen ihrem Leben freiwillig ein Ende.

Dieses Buch ist für Leser, die einen zwar außerordentlich düsteren, aber auch sehr beeindruckend geschriebenen Großstadtroman lesen möchten. Kästners Roman ist durchsetzt mit einer gehörigen Portion an tiefschwarzen Humor und Zynismus und schrammt dabei teilweise haarscharf an den Grenzen des guten Geschmacks vorbei. Kästner selbst begriff die Satire und die damit verbundene Übertreibung als das weitaus am besten geeignete Mittel, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Tatsächlich erregte sein Roman großes Missfallen: Die Nationalsozialisten verboten „Fabian“ nach seinem Erscheinen – in erster Linie wegen der angeblich überaus anstößigen Darstellungen von Sexualität – und gaben den Roman bei den Bücherverbrennungen dem Feuer preis.

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