Theater & Musik

Das erste Mal im Ballett – Duato / Kylián / Naharin in der Deutschen Oper Berlin

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„Ballett – da tanzen doch lauter ultraschlanke Frauen in weißen Tüllröcken über die Bühne. Ich weiß ja nicht, ob mich das begeistert…“, so oder so ähnlich waren bis jetzt meine Gedanken, wenn ich über den Ballett-Tanz nachdachte.  Ehrlich gesagt hatte es mich bisher doch eher wenig gereizt, mir einmal eine Ballett-Aufführung anzusehen. Doch vor ein paar Wochen kam via E-Mail eine Einladung vom Staatsballett in mein Postfach geflattert. Kostenlose Pressekarten – ja, warum eigentlich nicht. Dies war die einmalige Gelegenheit, mir mal ein eigenes Bild zu machen. Weiße Tutus hin oder her, mit Tanzen habe ich wirklich wenig am Hut – aber was soll’s: ich beschloss über meinen Schatten zu springen und meinen kulturellen Horizont zu erweitern. Hier also mein rein subjektives, nicht im geringsten fachmännisches Urteil über den Ballettabend „Duato / Kylián / Naharin“ (Deutsche Oper Berlin).

Am Freitag war es also soweit. Schon in der Warteschlange zum Ticketschalter begann ich meine bisherigen Vorurteile über die Oper und das Ballett gründlich in Frage zu stellen. „Ballett – das ist doch was altbackenes und wenig modern. Das ist doch Schwanensee und lauter kleine Ballett-Mädchen in Reih und Glied.“ In meinen Gedanken hatte ich das Ballett irgendwie immer eher mit erzkonservativen Zuschauern verbunden. Stattdessen: Lauter junge MensVladislav Marinov © Fernando Marcoschen in meinem Alter um mich herum! Keine alten Damen mit Pelzmänteln und Gucci-Täschchen. Die tanzbegeisterten Leute um mich herum, die alle sehnsüchtig darauf warteten, eine der begehrten Karten zu ergattern – ganz normal und bodenständig gekleidet – zeichneten ein ganz anderes Bild.

Ich hatte einen super Platz in der 6. Reihe, gespannt wartete ich auf den Beginn der Aufführung. Die ersten Minuten waren noch etwas ungewohnt. Gertenschlanke männliche Tänzer mit langen schwarzen Umhängen schwebten voller Anmut über die Bühne. Gut, die engen hautfarbenen Strumpfhosen und die sehr tief ausgeschnitten schwarzen Tanktops brachten mich schon etwas aus dem Konzept – doch, abgesehen davon, fand ich die Art und Weise, wie sie mit unglaublicher Leichtigkeit die komplexe Choreographie ausführten, sehr beeindruckend! Alle Bewegungen, Drehungen und Sprüngen waren voller Eleganz – es war wirklich ein großes Vergnügen Ihnen beim Schweben und Herumwirbeln zuzuschauen. Die Story dieser ersten Performance, die sich um die Angst eines angehenden Sängers vor der Kastration drehte, bekam ich durchaus am Rande mit. Der Moment, als der junge Tänzer von den dunklen Mächten umringt wurde und die Auswegslosigkeit seiner Lage klar wurde, jagte mir einen kurzen kalten Schauer über den Rücken.

Secus © Yan Revazov

Die zweite Ballett-Aufführung des israelischen Choreographen Ohad Naharin war dann überraschend poppig: 16 junge Tänzer und Tänzerinnen in grell-bunten Streetwear-Klamotten bewegten sich über die Bühne. Die Musik und Choreographie war anfangs eher abgehackt, als hätte die Platte einen Sprung, dementsprechend fielen auch die Bewegungen eher hektisch aus. Doch die Performance nahm immer mehr an Fahrt auf. Ich wusste kaum, wohin ich bei all diesen talentierten Tänzern auf der Bühne schauen sollte. So viel Energie und Emotionen in ihren Tanzschritten – hier wurde mir mit einem Schlag bewusst, wie viel Tanz als eigene Kunstform ausdrücken kann. Und das ohne Worte. Faszinierend. Hut ab vor allen Tänzern!

Petite mort © Yan Revazov

Der dritte Teil des Abends wurde dann von der Performance des Choreographen Jiří Kylián gestaltet. Vom Kostüm und der Musik her war diese wieder deutlich traditioneller. Knappe hautfarbene Höschen und Mozart. Und doch wurde auch diese Choreographie keineswegs konservativ umgesetzt. Witzige Einfälle wie beispielsweise schwebende Abendkleid-Attrappen, die von den Tänzerinnen in faszinierender Leichtigkeit in die Perfomance integriert wurden, machten diesen Teil des Abends zu einem visuellen Erlebnis, das leider viel zu schnell vorbei war.

Ballett, also doch ganz anders als ich dachte. Nach diesem wirklich gelungenen Abend voller Anmut, Eleganz und kreativer Ideen bereue ich es wirklich, dass ich so lange einen großen Bogen um diese faszinierende Kunstform gemacht habe. Kraft, Verzweiflung, Leidenschaft – allein durch Bewegungen und Musik lässt sich wahnsinnig viel ausdrücken. Hätte ich nicht gedacht. Ich weiß wie gesagt wirklich wenig über den Balletttanz. Und diese Rezension ist sicher alles andere als in irgendeiner Weise fachlich fundiert. Aber das ist wohl ein gutes Zeichen, wenn eine Kunstform es schafft zu berühren, ohne das man dabei über viel Hintergrundwissen verfügen muss. War jedenfalls eine gute Entscheidung einen Blick über den Tellerrand zu wagen und sich einfach mal auf eine völlig fremde (Kunst)Welt einzulassen.

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