Literatur

Michel Houellebecq – Elementarteilchen

Michel Houellebecq - Elementarteilchen

Michel Houellebecq – der Meister des intelligenten Gedankenspiels. Nachdem ich vor etwa einem Jahr seinen aktuellen Gesellschaftsroman „Unterwerfung“ gelesen hatte, war ich auf jeden Fall gespannt auf weitere literarische Werke dieses brillanten Beobachters gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen. Vor gut einem Monat fiel mir beim Stöbern in der Buchhandlung sein Roman „Elementarteilchen“ in die Hände, das Werk, mit dem Michel Houellebeqc in der literarischen Welt endgültig der Durchbruch gelang. 2006 wurde sein Roman sogar von dem bekannten deutschen Regisseur Oskar Roehler verfilmt – mit Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen und Martina Gedeck in den Hauptrollen.

Michel Houellebecq – Elementarteilchen – Worum geht’s?

Der Roman kreist vor allem um die Lebenswege der sehr unterschiedlichen Halbbrüder Michel und Bruno. Michel arbeitet als Forscher an einem Institut für Molekularbiologie, konzentriert sich vollends auf seine Arbeitsprojekte, lebt aber sonst sehr zurückgezogen und ohne jegliche zwischenmenschliche Kontakte. Literaturlehrer Bruno ist laufend auf der Suche nach neuen (sexuellen) Kontakten, begibt sich im Laufe der Romanhandlung beinahe manisch auf die Suche nach einer Frau, die sein Bedürfnis nach Nähe befriedigen kann. Die grundverschiedenen Halbbrüder verbindet nur das Schicksal, die emotional vernachlässigten und ungeliebten Söhne einer egoistischen Mutter zu sein. Ihre Mutter – ganz im Geist der 68er-Generation aufgewachsen – richtet ihr Leben voll und ganz auf ihre persönliche Selbstverwicklung aus, bei der Kinder nur im Weg wären. Sowohl Michel als auch Bruno sehnen sich – trotz oder gerade wegen – der unerfüllten Beziehung zu ihrer Mutter nach menschlicher Nähe und Liebe, werden im Roman aber letztendlich in ihrem Streben nach Glück beide enttäuscht.

Elementarteilchen – Ein Abgesang auf die moderne Gesellschaft

Freie Liebe ohne gesellschaftliche Zwänge wie die Ehe, die Möglichkeit der Scheidung, eine individuelle Familienplanung dank der Anti-Baby-Pille – Gesellschaftliche Errungenschaften, die auf den Zeitgeist der 68er-Bewegung zurückgehen, werden in Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ gnadenlos hinterfragt und sogar anhand der Lebenssschicksale seiner beiden Protagonisten Michel und Bruno widerlegt. Sicher haben diese gesellschaftlichen Veränderungen dem Individuum mehr Selbstbestimmung gebracht, gleichzeitig führt – so Houellebecqs These – zu viel Freiheit jedoch auch zu Egoismus, Einsamkeit und unbefriedigenden zwischenmenschlichen Beziehungen, die auf keinem sicheren Fundament mehr stehen.

Michel wird dies spätestens zu seinem 40. Geburtstag klar, als er merkt, dass die Partnersuche sich mit dem Älterwerden für ihn immer schwieriger gestaltet. Nur wer jung und attraktiv ist, hat auch weiterhin eine Chance eine/n Partner/in zu finden. Wer mit seiner Konkurrenz nicht mehr mithalten kann, ist dazu verdammt sich mit seiner Erfolglosigkeit abzufinden und sein Dasein als einsames „Elementarteilchen“ zu fristen, so eine von Houellebecqs pessimistischen Hauptthesen im Roman.

Anhand der beiden „Versuchspersonen“ Michel und Bruno macht er deutlich, wie sich diese Unzufriedenheit im Leben der beiden äußert und wie sie diese zu kompensieren versuchen. Bruno stürzt sich in sexuelle Abenteuer, findet schließlich in einem Hippie-Ferienlager in Christiane eine Gleichgesinnte, bei der er zum ersten Mal in seinem Leben ein tiefes Gefühl wie Liebe empfinden kann. Forscher Michel macht sich zwar nicht viel aus Frauen, führt aber wie sein Bruder ebenso kein erfülltes Leben. Es ist sehr bezeichnend, dass er eifrig daran arbeitet, im Labor ein geschlechtloses Wesen zu züchten. Dieser klonbare „Ersatzmensch“ dient im Roman letztendlich als Ausweg, um den modernen Menschen von seinem Leben voller Leid und Frustration zu befreien.

Elementarteilchen – Mein Fazit

Mit „Elementarteilchen“ beweist Michel Houellebecq ein weiteres Mal sein großes Talent als messerscharfer Beobachter von gesellschaftlichen Phänomenen. Sein Roman zeichnet ein sehr pessimistisches Bild der Moderne und zeigt auf, dass hinter der oft hoch gepriesenen 68er-Bewegung nicht viel Gutes steckt. Egoismus, Selbstbereicherung und Ausbeutung – dies sind nur einige wenige negative Aspekte, die sich hinter vermeintlich philosophischen New-Age- und Hippie-Bewegungen verbergen. Bitter und provokant dann auch Houellebecqs Schlussfolgerung: Eigentlich müsste man den Menschen ganz abschaffen, um wieder eine lebenswerte Welt zu schaffen.

Auch wenn der Roman nun mittlerweile fast 9 Jahre alt ist, hat er in dieser Zeit keineswegs an Aktualität eingebüßt. An die doch sehr verschiedenen Sprachstile, die Houellebecq verwendet (mal wissenschaftlich-nüchtern, mal sehr explizit und direkt) musste ich mich erstmal gewöhnen, ansonsten ist „Elementarteilchen“ aber definitiv Lektüre für den Kopf, die noch lange nachwirkt und nachdenklich stimmt. Düster, dystopisch, typisch Houellebecq.

Habt Ihr „Elementarteilchen“ auch gelesen? Wie hat Euch der Roman gefallen? Lasst mir einen Kommentar da!

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    5 KOMMENTARE

  • Eva 12. Februar 2017 Reply

    Ich habe nur den Film gesehen, der mich sehr geärgert hat. Vllt habe ich ihn auch verkannt, da ich ihn wie eine Komödie gesehen habe, und das geht nicht mit dem zusammen, was Du über das Buch schreibst.

    • Deborah 12. Februar 2017 Reply

      Danke für deinen Kommentar. Klar, Film und Buch sind natürlich unterschiedliche Medien. Hab den Film auch mal gesehen, hab ihn jetzt aber nicht mehr so präsent. Aber der Roehler macht ja oft Filme, die etwas schräge anmuten 😉 Ich glaube, er verarbeitet da immer viel Autobiographisches. Er hatte auch so eine egoistische 68er-Hippie-Mutter. (Siehe seinen Film: Quellen des Lebens)
      Ich fand, Houellebecqs Roman war wie gesagt eher düster und gespickt mit interessanten (philosophischen) Gedanken. Vielleicht mal mit der Lektüre versuchen? 😉
      LG
      Deborah

  • Ursula Heimann 12. Februar 2017 Reply

    Dein Bericht macht mich neugierig. Ich werde mir das Buch mal besorgen.

    • Deborah 12. Februar 2017 Reply

      Schön, das freut mich 🙂 Ich wünsche dir eine anregende Lektüre.

  • […] Und gerade deshalb findet er hier auch seinen verdienten Platz. Ob seine früheren Romane wie Elementarteilchen oder sein in jüngster Zeit vieldiskutierter dystopischer Gesellschaftsroman Unterwerfung: Einen […]

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  • #buchpassion Challenge, heute mal kurz und knackig. Mein Lieblingsautor? Truman Capote selbstverständlich! ;)
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  • Schon Tag 4 bei #buchpassion von @kaprizioesblog.
Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
Mit "Jeder soll"-Formulierungen bin ich sonst eher vorsichtig. Die Geschmäcker sind einfach zu verschieden.
Ich lege Euch dennoch heute Michel Houellebecqs  vieldiskutiertes Werk #Unterwerfung ans Herz. Mit der Schilderung von instabilen politischen Systemen, Themen wie Islamhass & Populismus und einem einsamen Helden auf der Suche nach Sinn passt dieser visionäre Roman erschreckend gut in unsere heutige Zeit. Tiefgründig & vielschichtig. Mich hat der Roman noch lange nachdenklich gestimmt.
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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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