Literatur

Truman Capotes Skandalroman „Erhörte Gebete“

Truman Capote - Erhörte Gebete

Was für eine Klatschbase! Schon auf den ersten Seiten von Truman Capotes letztem, unvollendet gebliebenem Roman Erhörte Gebete wird klar, warum es so einigen Freunden und Bekannten in Truman Capotes engstem Umfeld wohl gar nicht gefallen hat, ihre intimsten Geheimnisse plötzlich in einem Buch wiederzufinden. Von Ehe-Problemen, Affären, sexuellen Vorlieben und allerhand anderen pikanten Details ist da die Rede – Truman Capotes Gesellschaftsroman deckt all die kleinen und großen Begebenheiten eiskalt auf und lässt selbst unangenehmen Klatsch und Tratsch einfach unkommentiert im Raum stehen.

Erhörte Gebete: Ein literarisches Fragment von großer Brisanz

Im Zentrum des Romans steht ein erfolgloser Schriftsteller und Journalist, der sich in den Kreisen der oberen Zehntausend bewegt, sich aber finanziell mit eher zwielichtigen Geschäften über Wasser hält. Unter anderem arbeitet er als Callboy für eine dubiose Agentur oder als Masseur für eine reiche Diva mit wechselvoller Vergangenheit. Die Hauptfigur weist viele Gemeinsamkeiten mit Capote auf, kann sogar eindeutig als böser Zwilling oder Alter Ego bezeichnet werden. Leichtfüßig bewegt sich der Erzähler durch die vermeintlich glamouröse Welt der Reichen und Schönen und deckt dabei in unterhaltsam geschriebenen Episoden die dunklen Kapitel ihres luxuriösen Lebens auf.

Ein Literaturprojekt ungefähr vergleichbar mit Marcel Prousts 7-bändigem Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Das und nichts anderes hatte Capote im Sinn, als er mit der Arbeit an seinem letzten Roman begann. Ein ehrgeiziges wenn nicht gar größenwahnsinniges Ziel – wie sich noch herausstellen sollte. Denn Capote steckte zu Beginn der 1970er Jahre in einer persönlichen und schöpferischen Krise. Nach seinem Erfolgsroman Kaltblütig fühlte er sich kreativ ausgelaugt und hatte die Sorge mit seinen literarischen Werken nie wieder an das Niveau dieses Ausnahmewerks heranreichen zu können. Seine Selbstzweifel betäubte er mit exzessiven Partynächten, in denen nicht nur der Alkohol in Strömen floß, sondern auch reichlich harte Drogen wie Kokain konsumiert wurden. Wie sich hier zum Beispiel seine Freundin Joan Axelrod erinnert: „Er trank, er nahm Drogen, er war völlig außer Kontrolle. […] Das Schreiben ist ein Beruf, der viele selbstzerstörerische Menschen anzieht. Sie alle haben die Befürchtung, dass sie nicht mehr am Puls der Zeit sind. […] Und sie leben in ständiger Angst, dass sie ihren Erfolg nicht verdient haben.“ Somit wird Capotes Entscheidung, bereits die ersten Kapitel seines neuen Romans vorab im Esquire zu veröffentlichen, auch heute noch von vielen Zeitgenossen und Capote-Kennern als nahezu selbstzerstörerischer Akt gedeutet: als letzter großer Schrei nach Anerkennung.

Truman Capote

Erhörte Gebete: Das Ende einer großen Literaten-Karriere

Erhörte Gebete sollte für Truman Capote einen Neuanfang darstellen, nur dass so ziemlich das Gegenteil von dem eintrat, was er sich erhofft hatte. Statt wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und für seinen Gesellschaftsroman geliebt und verehrt zu werden, wurde er plötzlich von seinen „Freunden“ aus der High Society gemieden und ausgegrenzt. Ein schwerer Schlag für den zwar sensationssüchtigen aber ebenso sensiblen Truman Capote. Schon das erste veröffentliche Kapitel „La Côte Basque“ sorgte für einen Skandal. Slim Keith meinte sich wiederzuerkennen und war tief verletzt von den Aussagen, die Capote ihrer Figur in den Mund legte. Eine andere Freundin Capotes – Ann Woodward – beging sogar Selbstmord – angeblich als direkte Reaktion auf den Vorabdruck des Romankapitels, in dem sie als Mörderin ihres Ehemanns dargestellt wird.

Truman Capote begann wohl erst durch diese extremen Reaktionen zu realisieren, welche Bombe er hochgejagt hatte und wie sich mit einem einzigen Werk sein ganzes gesellschaftliches Ansehen in Luft auflöste. Der Schriftsteller John Knowles erinnert sich in George Plimptons Capote-Biographie: „Er war völlig fertig mit den Nerven. Er hatte sich auf unglaubliche Weise eine Welt aus gesellschaftlichen Beziehungen und großem Erfolg aufgebaut, und sie brach buchstäblich über Nacht zusammen. […] Er hatte nichts, auf das er zurückgreifen konnte. […] Truman war ganz alleine da draußen.“

So sehr sich Capote in all den Jahren als feinsinniger Beobachter, als unterhaltsamer Entertainer und talentierter Schriftsteller einen Namen gemacht hatte: In diesem Fall bedeutete das angefangene Romanprojekt Erhörte Gebete noch vor seiner Fertigstellung sein endgültiges Karriere-Aus. In seinen letzten Lebensjahren lebte er zurückgezogen, bevor er dann am 25. August 1984 im Haus seiner engen Freundin Joanne Carson verstarb. Es bleibt zwar offen, was aus seinem Roman Erhörte Gebete geworden wäre, wenn er ihn vollendet hätte. Sicher wäre dieser aber ein sehr bissiges, pointiertes und aufmerksam beobachtetes Gesellschaftsporträt geworden.

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