Literatur

Literatur in 300 Wörtern (39): Vladimir Nabokov – Verzweiflung

Vladimir Nabokov: VerzweiflungVladimir Nabokov: Verzweiflung

Inhalt in 3 Sätzen: Der 36-jährige Hermann sucht einen Ausweg aus seinem unbefriedigenden Alltagsleben. Auf einer Geschäftsreise nach Prag lernt er unverhofft einen Landstreicher kennen, der ihm ausgesprochen ähnlich sieht und sich geradezu perfekt für einen Identitätstausch zu eignen scheint. Hermann heckt einen perfiden Plan aus, um seinen Doppelgänger um die Ecke zu bringen, selbst unterzutauchen und später gemeinsam mit seiner Frau die Summe seiner Lebensversicherung einzukassieren…

Lieblingszitat: „Hätte das Trio, das fern von uns vor dem blutroten Fenstervorhang saß, hätten die drei sich umgedreht und uns angesehen, dann hätten diese ruhigen und grämlichen Zecher zwei ungleiche Brüder erblickt – Glückspilz und Pechvogel: der eine mit einem kleinen Schnurrbart und gepflegtem Haar, der andere glattrasiert, aber mit ungepflegtem Schopf […]; einander gegenübersitzend, beide in der gleichen Pose: die Ellbogen auf dem Tisch und die Fäuste an den Backenknochen. So wurden wir von dem beschlagenen und – allem Anschein nach – kranken Spiegel abgebildet, […] von einem Spiegel, der sicherlich sofort zersprungen wäre, wenn er zufällig einmal unverfälschte menschliche Gesichtszüge zurückgeworfen hätte.“

Vladimir Nabokov erzählt in seinem 1934 veröffentlichten Roman Verzweiflung eine faszinierende Kriminalgeschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Hierbei bezieht er sich auf kunstvolle Weise auf das in der Literaturgeschichte sehr populäre Doppelgänger-Motiv, auf literarische Vorbilder wie Dostojewski & Tolstoi sowie auf die Aufgabe des Schriftstellers bzw. der Literatur als solches. Geradezu meisterhaft im ganzen Roman umgesetzt: der unzuverlässige Erzähler, der dem Leser im herrlich schnöseligen Tonfall seine kriminellen Pläne offenlegt und sich immer wieder über typische Erzählmuster in der Literatur lustig macht. Bis zuletzt bleibt unklar, ob man diesem offenkundig psychotischen Protagonisten überhaupt trauen kann und inwieweit das Erzählte der Wirklichkeit oder vielmehr einer fingierten Traumwelt entspricht.

Dieses Buch ist für Leser, die einen (zu Unrecht) eher wenig bekannten Roman von Vladimir Nabokov lesen wollen. Nabokov treibt das Verwirrspiel von Fiktion und Realität in diesem frühen Roman auf die Spitze und schafft es – wie in seinem späteren Bestseller Lolita – einen sonderbaren und zugleich sympathischen Schurken zu erschaffen, dem man nur zu gerne bei der Erzählung seiner Schandtaten zuhören möchte. Anders als Lolita erscheint mir Verzweiflung allein sprachlich jedoch um einiges zugänglicher: perfekt also für Nabokov-Einsteiger oder alle, die es mit etwas leichterer Nabokov-Kost probieren möchten. Alternativ kann ich hierfür allerdings auch noch seinen Berlin-Roman Maschenka empfehlen.

Kleiner Tipp noch für Film-Fans: Rainer Werner Fassbinder hat den Romanstoff 1978 unter dem Titel „Despair – Eine Reise ins Licht“ verfilmt. Steht jetzt definitiv auf meiner Liste – bin schon sehr gespannt, wie Fassbinder den Roman mit filmästhetischen Mitteln verarbeitet hat. Sicher hat er sich dabei – wie so oft – wieder einige Freiheiten genommen.

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    4 KOMMENTARE

  • Schurrmurr 6. Mai 2017 Reply

    Das macht richtig neugierig….den Roman von Nabokov kannte ich nicht….schöne Neuentdeckung. Bei Nabokov denkt man hauptsächlich an Lolita.
    LG schurrmurr

    • Deborah 6. Mai 2017 Reply

      Vielen Dank 🙂 Ich hatte vor einer Weile schon was über den Fassbinder-Film gelesen. Aber ist ja auch immer schön, die literarische Vorlage zu kennen. Bisher hab ich leider nur Ausschnitte gesehen.

  • Vielen Dank für die gelungen Zusammenfassung, liebe Deborah. Ich mag Deine Reihe Literatur in 300 Wörtern wahnsinnig gerne und fiebere immer neuen entgegen. Herzliche Grüße, Daniela

    • Deborah 6. Mai 2017 Reply

      Vielen lieben Dank. Das lese ich gerne 🙂

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