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Klassiker des italienischen Kinos: Fellinis Achteinhalb

Fellinis Achteinhalb

Achteinhalb (Otto e mezzo) – ohne Frage ein Klassiker des italienischen Kinos. Ich selbst habe den Film zwar schon einige Male gesehen, aber erst kürzlich fiel mir wieder auf, wie vielschichtig dieses Fellini-Werk doch ist. Es gilt nicht zu Recht als Meisterwerk, in dem man ohne Zweifel immer wieder was Neues entdecken kann. Und erstaunlicherweise finde ich ihn unterdessen auch gar nicht mehr so verwirrend wie beim ersten Mal. Somit: Vorhang auf für Fellinis Achteinhalb:

Achteinhalb – worum geht’s?

Regisseur Guido steckt in einer schwerwiegenden Schaffenskrise und weiß nicht, wie es mit seinem neuen Filmprojekt weitergehen soll. Die verordnete Kur in einem italienischen Sanatorium bringt auch nicht viel Ruhe in sein Leben: Im Nu reisen ihm Produzenten, Schauspieler, seine Geliebte und Ehefrau nach und setzen ihn unter Druck, dass er doch mit seinem Film zurande kommen soll. Guido flüchtet sich immer wieder in Gedanken und Tagträume, um hoffentlich endlich wieder in einen Zustand aus Inspiration und Kreativität zurückzufinden…

Achteinhalb – so war’s:

Kein Vorankommen, Enge, keine Möglichkeit zu entkommen: Fellinis autobiographisches Werk beginnt mit einem Traum, wie man ihn sich nicht schlimmer ausmalen könnte. Hauptfigur Guido befindet sich in einem schier endlosen Verkehrsstau, droht in seinem Auto sogar zu ersticken, bis ihm die Flucht über das Autodach gelingt und er einfach davonfliegt. Der gesamte Film wird immer wieder von solchen irrationalen Sequenzen unterbrochen, die bildsprachlich die schwere Krise verdeutlichen, in der er sich als Künstler befindet. Psychologen und Anhänger der Traumdeutung müssten beim Betrachten dieses Films eigentlich ihre helle Freude haben…

Otto e mezzoDer Protagonist Guido steht im Zentrum des recht handlungsarmen Plots. Alle haben große Erwartungen an ihn, den großen Regisseur, der bereits beträchtliche Erfolge in der Filmwelt gefeiert hat und plötzlich auf der Stelle tritt. Ist es überhaupt möglich, neue Inspirationen zu finden, wenn man ständig von Produzenten, Journalisten und anderem am Film Beteiligten bedrängt und über ein noch nicht existierendes Kunstwerk ausgequetscht wird? Guido bleibt passiv, schafft es den ganzen Film über nicht, mit anderen Menschen zu kommunizieren, sich über seine Krise auszusprechen oder sich einen Verbündeten zu suchen. Marcello Mastroianni als „Alter Ego“ Fellinis verkörpert den zutiefst verunsicherten Regisseur auf sehr überzeugende Weise und macht deutlich unter welchem Druck ein Kreativer (der bereits Erfolge vorzuweisen hatte) steht, wenn die Quelle der Inspiration plötzlich nicht mehr sprudelt. Die größte Angst: als in Wahrheit untalentierter Künstler entlarvt zu werden – und sich zuletzt selbst womöglich eingestehen zu müssen, dass nach vielen großen Erfolgen plötzlich das große Nichts folgt. Das eigentlich Raffinierte an Achteinhalb ist aber eigentlich, dass wir als Zuschauer einen „Film-im-Film“ sehen. Der Film, der von der Schaffenskrise handelt, ist letztendlich der, dessen Entstehung wir mitverfolgen können: Der achteinhalbte Film Fellinis, der bis heute als einer seiner bekanntesten gilt. Genial durchdacht!

Es lohnt sich sehr, den Film in Originalsprache anzusehen. Tatsächlich gewinnt Achteinhalb eine Menge durch die hektischen Dialogen, die gerade in der sehr emotionalen und musikalischen italienischen Sprache um einiges stärker zum Ausdruck kommen als auf Deutsch. Mir schwirrte jedenfalls – genau wie dem Protagonisten – ganz schön der Kopf, als dieser im Laufe der Handlung immer wieder von allen möglichen Leuten belagert wird und dabei überhaupt nicht die Möglichkeit bekommt, sich zu seiner Arbeit am Film zu äußern oder seine persönlichen Zweifel zum Ausdruck zu bringen.

Kunst als Selbsttherapie, die große Ratlosigkeit eines Filmemachers oder das ganz persönliche Porträt des bekannten italienischen Regisseurs Federico Fellini – was man auch als das Hauptthema von Achteinhalb sehen möchte. Klar ist, dass der Film Generationen von Regisseuren und Künstler beeinflusst hat, so findet er beispielsweise in Charlie Kaufmans Synecdoche New York und Woody Allens Stardust Memories ebenso Widerhall wie in R.E.M.s Musikvideo zu „Everybody hurts“. Außerdem bewundernswert – und vielleicht auch ein Markenzeichen Fellinis: Er schafft es, ein selbst stark autobiographisches Thema auf sehr leichtfüßige, aber dennoch nicht oberflächliche Weise zu behandeln. Der Sanitoriumsalltag mit Dampfbädern, schrillen Patienten und einem wahnwitzigen Filmdreh, der unmöglich realisiert werden kann – das alles schildert Achteinhalb mit einer gehörigen Prise Humor und Einfühlungsvermögen.

Wie gesagt, ich entdecke jedes Mal wieder ein neues Detail, einen neuen Aspekt, den ich vorher noch gar nicht bemerkt hatte. Das macht einen richtig guten Klassiker aus, oder?

Welcher italienischer Klassiker ist Eurer persönlicher Favorit? Ich freue mich über weitere Filmtipps!

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    4 KOMMENTARE

  • Schurrmurr 30. Mai 2017 Reply

    Danke für den tollen Text…ja das ist ein Film den man ohne Reue öfter gucken kann.
    LG schurrmurr

    • Deborah 30. Mai 2017 Reply

      Hab die DVD hier, falls du mal Lust auf den Film bekommst 😉

  • Eva 30. Mai 2017 Reply

    An Fellini habe ich in letzter Zeit öfters denken müssen, sein „Schiff der Träume“ möchte ich unbedingt mal wieder sehen. „Achteinhalb“ kenne ich leider noch nicht.
    Von Charlie Kaufman habe ich vor kurzem „Adaption“ gesehen, da beschäftigt er sich mit seiner Schreibhemmung als Drehbuchautor (nach dem Erfolg von „Being John Malkovich“). Passt also auch zum Thema…

    • Deborah 30. Mai 2017 Reply

      „Schiff der Träume“ hab ich noch nicht gesehen. Ich hab hier die Arthaus-Edition mit „La strada“ und „Die Nächte der Cabiria“ (+ „Achteinhalb“) herumliegen. Gute Investition 🙂
      Charlie Kaufman behandelt das Thema der Schreibblockade ziemlich häufig, zumindest in den genannten Filmen. Mit “ Adaption“ konnte ich leider nicht viel anfangen. Aber vielleicht ist das auch einfach einer dieser Filme, die man sich öfter ansehen muss.
      Viele Grüße und frohes Filmschauen,
      Deborah

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  • Sonntags ins Museum, kann man doch auch mal wieder machen. Vor allem, wenn es sich um so ein Schönes handelt. Und #Picasso geht eigentlich auch immer.
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  • #buchpassion Challenge, heute mal kurz und knackig. Mein Lieblingsautor? Truman Capote selbstverständlich! ;)
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  • Schon Tag 4 bei #buchpassion von @kaprizioesblog.
Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
Mit "Jeder soll"-Formulierungen bin ich sonst eher vorsichtig. Die Geschmäcker sind einfach zu verschieden.
Ich lege Euch dennoch heute Michel Houellebecqs  vieldiskutiertes Werk #Unterwerfung ans Herz. Mit der Schilderung von instabilen politischen Systemen, Themen wie Islamhass & Populismus und einem einsamen Helden auf der Suche nach Sinn passt dieser visionäre Roman erschreckend gut in unsere heutige Zeit. Tiefgründig & vielschichtig. Mich hat der Roman noch lange nachdenklich gestimmt.
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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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