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Ausstellungstipp: 1917. Revolution in Russland und Europa – Deutsches Historisches Museum

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In diesen Tagen jährt sich die große Russische Oktoberrevolution 1917 zum bereits 100. Mal – für das Deutsche Historische Museum in Berlin Anlass genug, dieses historische Ereignis mit Schlagwirkung bis in die heutige Zeit in einer umfangreichen Schau in allen Facetten zu beleuchten. Letzte Woche hat mich das DHM zu einem „Social Media-Event“ eingeladen. Mit etwa 20 anderen Bloggern, Instagrammern und Twitterern konnte ich mir während einer 1-stündigen Kuratorenführung einen ersten Eindruck von der Ausstellung „1917. Revolution in Russland und Europa“ verschaffen. Ich merkte jedoch ziemlich schnell: Diese ist viel zu vielschichtig, um sie in dieser kurzen Zeit (und vor allem mithilfe von Multi-Tasking: fotografieren, zuhören, schreiben, instagrammen) gänzlich zu erfassen. Ich war deshalb diese Woche an einem ganz normalen Nachmittag nochmal in der Ausstellung – diesmal tatsächlich rund 2,5 Stunden (!) – und muss sagen: dem DHM ist hier wirklich eine sehr lehrreiche und dennoch abwechslungsreich gestaltete Geschichtstunde der besonderen Art gelungen. Und das meine ich als Person, die den Geschichtsunterricht in der Schule viele Jahre als „gähnend langweilig“ empfand, wirklich als großes Kompliment. So ändern sich die Zeiten…

1917. Revolution in Russland und Europa

Die Ausstellung „1917. Revolution in Russland und Europa“ startet mit kurzen filmischen Statements von berühmten Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kultur, die ihre persönliche Meinung zur Russischen Revolution äußern. In einem kleinen Rundgang von Bildschirm zu Bildschirm ergibt sich hier bereits ein faszinierendes Spektrum an Positionen zu diesem nicht ganz unumstrittenen historischen Ereignis. Weiter geht’s mit einem ansprechenden Überblick über die einzelnen Gesellschaftsschichten, die die Sozialstruktur des russischen Zarenreichs ausmachten. Ob die einfachen Bauern, das wohlhabende Bürgertum, der Adel, die unterschiedlichsten Ethnien oder die Intelligenzija – bereits in diesem Raum wird einem beim Betrachten der ausgestellten Exponate bewusst, wie gänzlich unmöglich es eigentlich ist, diese politischen und sozialen Interessen alle unter einen Hut zu bringen. Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation und Ohnmachtsgefühle, die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zum Positiven lenken zu können, scheinen hier bereits vorprogrammiert. Unter der Oberfläche begann es bereits im 19. Jahrhundert zwangsläufig immer mehr zu brodeln…

Ob die gescheiterte Revolution von 1905, während der die Bevölkerung bereits zum ersten Mal gegen die Herrschaft des Zaren aufbegehrte, Russlands Weg in den Ersten Weltkrieg oder die schließlich maßgebliche Februar- und Oktoberrevolution: Die Ausstellung taucht tief in die damaligen Ereignisse ein, zeigt mithilfe von Fotos, Filmaufnahmen, Gemälden und eindrucksvollen Exponaten wie Pflastersteine, die während der Revolution zur Verteidigung genutzt wurden, die Ausmaße der Umwälzungen in Russland und der frühen Sowjetunion. Wichtige Wegbereiter und Unterstützer der bolschewistischen Ideologie wie Lenin und Trotzki werden in Einzelporträts vorgestellt.

Revolution: Gesellschaftliche und kulturelle Auswirkungen in Europa

Besonders interessant fand ich auch den Raum, in dem gezeigt wurde, wie sich die (Welt-)Revolution und die Idee, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern in ganz Europa ausbreitete – und in welcher Form sie auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Ungarn, Italien und Polen aufgegriffen wurde. Ebenso – für mich als Liebhaberin der russischen Literatur und Kultur – sehr erhellend: Wie die politischen Ereignisse, auch die Kulturszene Europas maßgeblich beeinflussten. Anfangs wurden berühmte Künstler der Russischen Avantgarde wie  Chagall, Kandinsky, Rodtschenko, Popowa und Malewitsch von der Kulturpolitik der Bolschewiki noch gefördert, spätestens mit der Machtübernahme Stalins zu Beginn der 1920er Jahre war es mit dieser künstlerischen Blütezeit jedoch vorbei. Viele Künstler, Literaten und Intellektuelle erhielten Arbeitsverbot und mussten Russland dauerhaft verlassen. In Städten wie Berlin bildeten sich russische Communities, in denen die Muttersprache weiterhin gepflegt wurde und Künstler wie Vladimir Nabokov zunächst ein weitestgehend freies und unbeschwertes Leben führen konnten. Oft lagen Utopie und Realität jedoch auch weit auseinander wie etwa das folgende Beispiele zeigt: Der Worpswede-Künstler Heinrich Vogeler zeigte sich lange Jahre als begeisterter Anhänger der Sowjetunion, unternahm zahlreiche Reisen dorthin und ließ sich auch in seiner Kunst von sozialistischen Ideen beeinflussen. Dennoch entsprachen seine „Komplexbilder“ nicht den ästhetischen Vorgaben des „Sozialistischen Realismus“, wurden später sogar öffentlich gerügt und nicht mehr ausgestellt. Vogelers Utopie von einem neuen, besseren Menschen – verwirklicht durch die Bildende Kunst – endete in Desillusionierung und einem einsamen Tod im kasachischen Exil.

Auch in der modernen Kunst wird das Thema der Revolution nach wie vor aufgegriffen und kritisch hinterfragt. Rechts: Alexander Kosolapov: Hero, Leader, God. (VG Bild-Kunst, Bonn 2017) Links: Georg Baselitz: Lenin on the Tribune.

Auch in der modernen Kunst wird das Thema der Revolution nach wie vor aufgegriffen und kritisch hinterfragt. Rechts: Alexander Kosolapov: Hero, Leader, God. (VG Bild-Kunst, Bonn 2017) Links: Georg Baselitz: Lenin on the Tribune.

Alles in allem: Ein fundierte Ausstellung, die zum Nachdenken anregt und es schafft, ein komplexes Thema auf anschauliche und anregende Weise zu vermitteln. Noch bis zum 15. April 2018 im Deutschen Historischen Museum zu sehen!

1917. Revolution in Russland und Europa
Deutsches Historisches Museum

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  • Meine aktuelle Lektüre: "Konzert ohne Dichter" von Klaus Modick. Schön geschriebener Künstlerroman über den Jugendstilmaler Heinrich Vogeler, den doch sehr exzentrischen Rilke und andere Worpswede-Künstler. Den passenden Lesetisch hab ich witzigerweise neulich in einem Café gefunden. (Als wäre er für die Lektüre dieses Buchs gemacht worden, oder? ;))
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  • Was für ein inspirierender #Instawalk vorhin im Deutschen Historischen Museum. Hier ist jetzt eine Ausstellung zur Russischen Revolution 1917 angelaufen. Ein paar ausgewählte Blogger/Instagrammer/ Twitterer ..whatever..durften heute an einer exklusiven Kuratorenführung teilnehmen. Danke für die Einladung, @dhmberlin, hat Spaß gemacht! :) .
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  • #Charlottenburg hat einfach die schönsten Kinos. Hier war ich gestern im altehrwürdigen #CinemaParis, das sich in seinem Programm vor allem auf französischen #Arthouse konzentriert. Ich hab mir Hanekes neuen Film "Happy End" angesehen... Schwer verdaulich, bedrückend, also definitiv ein Film, der nachwirkt. Mehr dazu bald im Blog.
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