Film

Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet (1938)

Story in drei Sätzen: Als Iris Henderson nach einem kurzen Nickerchen erwacht, ist die nette ältere Dame, die ihr im Zugabteil gegenüber saß plötzlich spurlos verschwunden. Und nicht nur das – es will sich kein anderer Passagier erinnern, sie jemals gesehen zu haben. Gemeinsam mit dem Volksmusikforscher Gilbert begibt sich Iris auf die Suche nach der Lady und stößt dabei auf die Verwicklungen internationaler Geheimdienste.

Wie war’s: Im Jahr 1938 – und damit zu einer Zeit, in der Hitchcock langsam international bekannt wurde – erschien „The Lady Vanishes”. Aufbauend auf einem Roman der britischen Kriminalautorin Ethel Lina White entwickelte Hitchcock einen Film, der mit den Erwartungen der Zuschauer geschickt spielt. Dies wird in zwei Szenen besonders deutlich: In der ersten malt Mrs. Froy, noch vor ihrem Verschwinden, ihren Namen – für Iris und die Zuschauer gut sichtbar – mit dem Finger an das staubige Speisewagenfenster. Als Gilbert und Iris später an derselben Stelle sitzen und über das Vorhandensein der Dame sprechen, erwartet der Zuschauer ein Aufgreifen dieses herausstechenden Existenzbeweises. Doch bevor Iris ihren Gegenüber auf die Buchstaben hinweisen kann, ist die Schrift wie von Geisterhand verschwunden. Eine logische Erklärung gibt es hierfür nicht, wie überhaupt die Stärke von „Eine Dame verschwindet” nicht in der Logik der Handlung liegt. Da wird ein Opernsänger hinterrücks erdrosselt, Iris bekommt einen Blumenkasten auf den Kopf – ohne dass die Urheber hierfür jemals klar werden. Anders als in späteren Filmen sorgen diese durchaus skurrilen Begebenheiten nicht nur für den Aufbau von Spannung, sondern auch für allerlei Komik. Wie überhaupt die ersten zwanzig Minuten des Films eher einer Salonkomödie ähneln als einem spannungsgeladenen Thriller. Die Handlung in dem überfüllten Hotel eines kleinen Bergortes im unbekannt bleibenden „Ausland” (Der ‚Bandrika’ genannte Staat ist ein Phantasieprodukt, Teile des Films wurden jedoch in Jugoslawien gedreht) plätschert ohne größere Aufregungen vor sich hin. Mit der Abfahrt des Zuges am nächsten Morgen nimmt jedoch auch der Film rapide an Fahrt auf, kurze Zeit später ist Mrs. Froy, die sich allen gegenüber immer als liebenswürdige Gouvernante gezeigt hat, auch schon spurlos verschwunden…

Mit kleinem Budget in einem 30-Meter langen Zugmodell gedreht, schafft es der Film dank Rückprojektionen und eingespielten Außenaufnahmen dennoch eine stimmige Atmosphäre aufzubauen. Iris (Margaret Lockwood) und Gilbert (Michael Redgrave) überzeugen als ungleiches Paar – ihre Rollen weisen deutliche Parallelen zu den Hauptpersonen Richard und Pamela in „Die 39 Stufen” (1935) auf. Das Happy End im Londoner „Foreign Office” wirkt allerdings eher angehängt. Dem Erfolg des Films tat dies keinen Abbruch: „The Lady Vanishes” gilt als Hitchcocks erfolgreichster Film in den 1930er Jahren und ebnete den Weg des Regisseurs nach Hollywood.

Der Dialog:

Iris wacht auf und bemerkt, dass Mrs. Froy verschwunden ist.
Iris: „La signiora inglese…die englische Dame…wo ist sie?
Baronin: „Ich habe keine englische Dame gesehen.”
Iris: „Was?”
Baronin (in nachdrücklichem Tonfall): „Eine englische Dame war nicht hier.”
Iris: „Aber das ist doch lächerlich, sie ging mit mir in den Speisewagen und kam zusammen mit mir zurück.”
Baronin: „Sie waren allein. Beide Male.”

 

Diverse reichlich nutzlose Fakten:
Regie:
Alfred Hitchcock
Originaltitel: The Lady Vanishes
Remake: 1979 von Anthony Page erneut verfilmt, kam jedoch nicht an den Erfolg des Originals heran.
Gast-Auftritt: Hitchcock tritt wie in vielen seiner Filme auch hier in einer kleinen Nebenrolle auf: Er steht bei der Ankunft des Zuges in London am Bahnsteig.
IMDB-Ranking: 8.1 von 10 Sternen (und damit unter den besten 200 Filmen aller Zeiten)
DVD: Der Film ist als Einzel-DVD erschienen, aber auch Bestandteil zahlreicher Hitchcock-Boxen. In den USA ist bereits eine “remastered edition” erschienen, die hoffentlich auch ihren Weg auf den deutschen Markt findet.

Lukas

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