Film

Synecdoche, New York (2008)

Nach den überaus komplexen und wenig zugänglichen Charlie-Kaufman-Filmen „Adaption“ und „Being John Malkovich“ habe ich mich nun endlich an das Regie-Debüt von Charlie Kaufman gewagt – Synecdoche, New York. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Meine, hoffentlich nicht völlig unzusammenhängenden, Gedanken lest ihr jetzt hier!

Theaterregisseur Caden Cotard ist in einer Lebens- und Schaffenskrise. Seine Frau ist mit ihrer gemeinsamen 4-jährigen Tochter nach Berlin abgehauen, um sich als Künstlerin voll zu entfalten. Zurück lässt sie einen Mann, der sich immer mehr in depressiven Gedanken und hypochondrischen Anfällen verliert. Doch Caden bekommt eine Chance:  er erhält ein aussichtsreiches Stipendium, mit dem er seinen Traum von einem Theaterstück, dass das Leben in all seinen Facetten erfasst, verwirklichen will. In einer großen Lagerhalle baut er New York, das Leben seiner Bewohner und letztendlich auch seine eigene Existenz wahrheitsgetreu nach. Das Stück beginnt immer gewaltigere Ausmaße anzunehmen, bis Caden schließlich völlig den Überblick verliert – was ist Realität, was ist Fiktion?

Charlie Kaufman macht es einem ohne Frage auch mit „Synecdoche, New York“ nicht leicht. Das Geschehen erstreckt sich über mehrere Zeitebenen, die manchmal wild miteinander vermengt werden. Teilweise wird die Zeit enorm gerafft – so vergehen innerhalb von wenigen Minuten 17 Jahre, umgekehrt teilweise aber auch äußerst gedehnt. Streckenweise ist der Film sehr langatmig geraten – trotz seiner eigentlich doch relativ durchschnittlichen Lauflänge von 120 Minuten! Aber vielleicht soll das ja auch genau das Grundthema des Films reflektieren… die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz bzw. das Zeitempfinden des Protagonisten. Letzterer muss im Laufe des Geschehens schließlich immer wieder von anderen Figuren daran erinnert werden, wie viel Zeit mittlerweile vergangen ist – 1 Jahr, 7 Jahre, 17 Jahre…

Zu dem ewig pessimistischen Protagonisten bekommt man nur schwerlich Zugang. Geplagt von Selbstzweifeln und immer merkwürdiger werdenden körperlichen Leiden verrennt sich dieser in einem Projekt, das schon von Anfang an unrealisierbar erscheint. Auch wenn einem als Zuschauer Caden Cotards komplettes Leben mit all seinen Hochs und Tiefs (vor allem zweiteres!) präsentiert wird, bleibt einem dieser bis zur letzten Minute seltsam fremd. Auch die anderen Figuren, etwa Cadens Ehefrau oder seine Geliebte Hazel bleiben undurchschaubar und nur schwer greifbar. Definitiv ein Aspekt, der meinen Filmgenuss streckenweise etwas abgemildert hat.

Gleichzeitig macht der Detailreichtum, der in jeder noch so unbedeutend wirkenden Szene vorherrscht, diese Mankos in der Figurengestaltung wieder wett! Schon zu Beginn sind in fast jeder neuen Einstellung kleine Anspielungen auf das spätere Geschehen, aber auch bereits vorher erwähnte Begebenheiten versteckt. Es macht Spaß, diese zu entdecken – vermutlich lohnt es sich allein deswegen, „Synecdoche, New York“ mehrmals zu sehen. Auch die unterschwellig eingebundenen philosophischen Gedanken über das Leben, die Liebe, den Tod und die Kunst kann man unmöglich auf dem ersten Blick erfassen – und wenn es für’s Erste auch nur die an Shakespeare angelehnte Erkenntnis ist: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“

Abgesehen von den wenig zugänglichen Figuren, die ich am Drehbuch doch bemängele, sind die schauspielerischen Leistungen hervorragend. Philip Seymour Hoffman brilliert in der Rolle als psychotischer und nahezu größenwahnsinniger Theaterregisseur, der die Kontrolle über sein Opus magnum und letztendlich auch seine eigene Existenz verliert. Auch seine Doppelgänger, die nach und nach auftauchen und das Geschehen verkomplizieren, ebenso wie die weiblichen Figuren (u.a. gespielt von Catherine Keener, Michelle Williams und Samantha Morton) überzeugen in ihren Rollen.

„Synecdoche, New York“ ist definitiv ein enorm verschachteltes und komplexes filmisches Labyrinth, das sich in jedem Fall zu entdecken lohnt. An jeder Ecke lauern neue Eindrücke und Gedanken, die sich einem auf dem ersten Blick zwar manchmal nur schwerlich erschließen – aber vielleicht beim zweiten, dritten oder vierten Mal. Genug Stoff zum Nachdenken bietet der Film jedenfalls!

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    1 KOMMENTAR

  • […] Kleiner Hinweis am Rande – schaut doch mal im Farbfilmblog vorbei… hab mir „Synecdoche, New York“ angesehen und drüber geschrieben. Eisschollen auf der […]

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