Literatur Rezensionen

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Das Leichte oder das Schwere – welche Art zu leben führt zum Glück? Dies ist eine der Kernfragen, die der tschechische Autor Milan Kundera in seinem weltberühmten Liebesroman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ formuliert. In diesem Artikel erläutere ich den Inhalt der Geschichte, verrate was diesen Roman ausmacht und warum man ihn lesen sollte.

Worum geht es in “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”?

Im Mittelpunkt der Handlung stehen u.a. der Chirurg Tomas und die Kellnerin Teresa, die sich im Prag der 60er Jahre, beruhend auf sieben Zufällen, in einem Café kennenlernen. Tomas ist der geborene Frauenheld, der sich laufend in neue Affären stürzt und nicht viel von tiefen Liebesbeziehungen hält. Doch durch Teresa wird er zum ersten Mal in seinem Leben von seinen Grundsätzen abrücken.

Tomas und Teresa emigrieren in die Schweiz

Die beiden werden ein Paar und heiraten kurzerhand – doch Tomas kann nicht treu sein. Schon bald nimmt er seine alten Liebeleien mit anderen Frauen wieder auf, sehr zum Leidwesen von Teresa. Die politischen Umstände und die Besetzung Prags durch die Sowjets lassen das junge Paar in letzter Minute in die Schweiz emigrieren. Teresa hofft, dass nun ein für alle Mal Schluss mit den Seitensprüngen ihres Mannes ist, doch vergeblich! Auch hier baut sich Tomas im Nu wieder lose, rein körperliche Beziehungen auf, die Teresa schließlich den unausweichlichen Schritt machen lassen. Sie schreibt Tomas einen Abschiedsbrief („Für dich ist das Leben so leicht, für mich so schwer. Ich gehe wieder zurück in das Land der Schwachen.“) und zieht zurück nach Prag, auch wenn sich die politischen Umstände mittlerweile radikal verändert haben: die Kommunisten regieren mit harter Führung das Land und machen politisch andersdenkende Intellektuelle mundtot.

Teresa entscheidet sich zur Rückkehr nach Prag

Tomas ist von Teresas Kurzschlussreaktion wie vor den Kopf geschlagen: Zwar liebt er die Frauen, doch nur Teresa liebt er von ganzem Herzen! Für ihn ist sie die erste Frau, für die er in seinem Leben wirklich tiefere Gefühle entwickelt hat. „Es muss sein!“, sagt er sich und folgt ihr nach Prag, wohlwissend dass sich seine medizinische Karriere damit allerdings endgültig erledigt hat. Denn vor Jahren verfasste er in einer Zeitschrift einen sehr kritischen Artikel, der bei den Kommunisten natürlich weniger gut ankam… Als ihm von seinem Chef nahegelegt (d.h. massiv von ihm unter Druck gesetzt!) wird, seinen Artikel in einer offiziellen Erklärung zu widerrufen, kündigt er lieber seinen Job, als sich politisch instrumentalisieren zu lassen. Trotz seiner guten Ausbildung schlägt er sich als Fensterputzer, schließlich als Lastwagenfahrer durch, um dann hoffentlich endlich mit Teresa glücklich zu werden…

Der Autor Milan Kundera verfügt über eine beeindruckende Beobachtungsgabe

Teresa (Juliette Binoche) in der Romanverfilmung

Milan Kundera schildert seine Figuren mit einer beeindruckenden Beobachtungsgabe und lässt den Leser an deren intimsten Gedanken teilhaben. Vor allem Teresa, die unter den Affären ihres Mannes sehr zu leiden hat, wird sehr anschaulich beschrieben. Doch selbst der Ehebrecher Tomas ist – unerwartet – nicht im Geringsten unsympathisch. Man versteht seine Motivation und nimmt ihm seine Untreue nicht übel, denn er verfolgt einfach eine komplett unterschiedliche Lebensphilosophie als seine Frau. Er liebt das Leichte, Ungezwungene – Teresa hingegen das Schwere, Festgelegte. Die sehr gelungene Charakterzeichnung wird von Milan Kundera in “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” zudem immer wieder durch spannende Exkurse in die Philosophie unterlegt.

Wie der Titel des Romans bereits andeutet, werden stets lebensphilosophische Fragen eingebunden, die einen auch als Leser zum Nachdenken anregen: Inwieweit sollte man bereit sein seine Ideale und Träume – so wie es etwa Tomas für seine Frau tut – für eine andere Person aufzugeben? Inwieweit beruht unsere eigene Existenz auf Zufällen, auf Entscheidungen, die einmal unwiderruflich getroffen wurden? War es richtig, so gehandelt haben? Und: Gibt es das überhaupt – richtig handeln? So steht an einer Stelle etwa auch sehr passend:

„Der Mensch […] lebt nur ein Leben, er hat keine Möglichkeit, die Richtigkeit der Hypothese in einem Versuch zu beweisen. Deshalb wird er nie erfahren, ob es richtig oder falsch war, seinem Gefühl gehorcht zu haben.“

All diese Einschübe geben dem Roman viel Tiefgang und spuken einem als Leser noch eine Weile im Kopf herum. Milan Kundera ist mit “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” somit in jedem Fall ein mitreißendes, vielschichtiges, sinnliches und nicht zuletzt sehr nachdenkliches Buch gelungen, das auch fast 30 Jahre nach seinem Erscheinungsdatum zu einer intensiven Lektüre einlädt!

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