Film

Oh Boy (2012)

Eigentlich will Niko doch nur einen anständigen Kaffee trinken! Das ist aber auch so ziemlich der einzige Wunsch, den er klar formulieren kann. Denn schon vor zwei Jahren hat er sein Jura-Studium abgebrochen und seitdem keinen wirklichen Plan, was er will vom Leben. So streift er ziellos durch Berlin und widmet sich seiner Hauptbeschäftigung: nachdenken! Er lebt in einer Altbauwohnung, in der die Umzugskartons auch nach Wochen noch nicht ausgepackt sind. Kurz gesagt: Niko (Tom Schilling) ist ein Endzwanziger, der sich einfach nicht festlegen will und so orientierungslos sein Leben vergammelt. Sehr zum Leidwesen seines gut situierten Vaters (Ulrich Noethen), der ihn beim gemeinsamen Golfspiel zur Rede stellt: „Ich hab dir nicht zwei Jahre lang monatlich 1000 Euro überwiesen, damit du nachdenkst! Ich geb dir ‘nen Tipp: Schneid dir die Haare, kauf dir ein Paar ordentliche Schuhe und such dir ‘nen Job, wie es alle machen.“

Im Laufe des Tages, an dem wir Niko durch das in ästhetische Schwarzweißbilder getauchte Berlin folgen, wird er ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen begegnen. Da ist zum Beispiel sein Kumpel Matze (Marc Hosemann), der einst auf der Schauspielschule einer der Besten war – und dennoch bis heute auf die Rolle seines Lebens wartet. Eine Rolle, die vielleicht nie kommen wird. Oder Julika (Friederike Kempter), eine ehemalige Klassenkameradin Nikos, die in Avantgarde-Theaterstücken mitspielt und so versucht ihre Vergangenheit als ausgegrenzte, gemobbte Übergewichtige zu bewältigen. Auch sein Wohnungsnachbar (Justus von Dohnányi), der gleich zu Beginn zur Begrüßung mit einer großen Schüssel Bouletten vor der Tür steht, gesteht ihm nach ein paar Gläschen Wodka, dass seine Ehe schon lange nicht mehr glücklich ist. Niko hört sich dies alles geduldig an, blickt die anderen immer wieder mit verständnisvollen Augen an und man ahnt, wovor er vielleicht in Wahrheit wegläuft: vor seiner Angst zu Scheitern.

Generationenporträt, Berlin-Film, schwarzweißes Kunstkino? Jan Ole Gersters Regiedebüt „Oh Boy“ lässt sich nur schwer ein Stempel aufdrücken. Zuallererst spiegelt Nikos Orientierungslosigkeit sicher das Lebensgefühl vieler junger Menschen um die 20 wider. Berlin, natürlich! Studieren, ja! Aber ist das wirklich das Richtige? Welches Leben will man selbst später einmal führen? So, wie es einem die Eltern vorleben? So, wie es einem Gleichaltrige vorleben? Die Figur des Niko zeigt sehr eindrücklich diese Zerrissenheit zwischen verschiedenen Lebensentwürfen.

Gleichzeitig schafft es „Oh Boy“, nicht in die Berlin-Klischee-Falle zu tappen. Auch wenn das eine oder andere Mal Szeneviertel wie Prenzlauer Berg oder Kreuzberg unverkennbar auf der Leinwand erscheinen, driftet der Film nie in Oberflächlichkeiten ab. Wer plakatives Hipster- oder Touristen-Bashing erwartet, wird enttäuscht. Dabei wäre es wirklich einfach gewesen, genau diese Klischees zu bedienen. Stattdessen beeindruckt der Film durch stilvolle Berlinaufnahmen in Schwarzweiß, die perfekt zur Melancholie des Protagonisten passen.

Am Ende kommt Niko schließlich doch noch zu seinem Kaffee. Mit einem seligen Blick nippt er an seiner Tasse. An dem vergangenen Tag ist so viel passiert! Doch haben die Ereignisse Niko auch so stark verändert, dass er endlich aufsteht und etwas aus seinem Leben macht? Inständig wünscht man sich es so sehr! Wünscht sich, dass er endlich seine Umzugskartons auspackt, sich auf etwas festlegt, einfach mal etwas zu Ende durchzieht – und hoffentlich so seinen eigenen Weg findet, glücklich zu werden. Gleichzeitig lässt einen das ungute Gefühl nicht los, dass Niko wohl noch eine Weile seinen Kaffee schlürfen und genauso in den Tag hineinleben wird, wie bisher…

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    2 KOMMENTARE

  • […] Gestern wieder mal im Kino gewesen: “Oh Boy”. Schon nachdem ich den Trailer gesehen hatte, wusste ich, den muss ich sehen! Inhaltlich dreht sich der Film um einen Endzwanziger, der nicht weiß, was er will und ziellos durch Berlin streift.(kommt mir das bekannt vor, ja oder nein? Und: Berlin! ) Wie auch immer, meine Rezension lest ihr im Farbfilmblog. […]

  • […] wie Woody Allens „Manhattan“ oder auch an jüngste Indie-Highlights wie „Oh Boy“. Noah Baumbach erzählt in traumhaft schönen Schwarz-Weiß-Bilden vom […]

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  • Mein erstes #Bookface mit dem wunderbaren Roman "Ein Leben mehr". Darüber hinaus habe ich in meinem Blog auf mein Lesejahr 2018 zurückgeblickt. Alles über Highlights, Lieblingsautoren und kleine Enttäuschungen könnt Ihr jetzt im Blog nachlesen: www.sommerdiebe.de
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  • Das war also mein Instagram-Jahr. Ich war hier zwar dieses Jahr weniger aktiv bzw. hab ich lieber die Story-Funktion genutzt. Dennoch ist wieder eine bunte Auswahl bei #bestnine2018 herausgekommen. Japanische Lektüre, beeindruckende Reiseziele (u.a. Island und St. Petersburg), schicke Street Art und Architektur in Berlin... Und nicht zuletzt hab ich meiner ehemaligen Unistadt Marburg einen Besuch abgestattet. Schöne Erinnerungen. Mal sehen, was 2019 bringt.
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  • Hach, St. Petersburg.. Ich vermisse es jetzt schon. 9 Tage waren nicht zu lang, auch wenn mich viele in meinem Umfeld ungläubig fragten, ob ich noch woanders hinfahre. Nein, ich hätte es selbst nicht gedacht, 9 Tage waren fast zu kurz, um diese vielfältige Stadt voller Kultur zu entdecken. So viele Stadtquartiere, Inseln zum Flanieren, coole moderne Cafés, freundliche Menschen. Hier hätte ich sogar gut und gerne noch mehr Zeit verbringen können. Ich komme wieder, vielleicht dann auch mal nach Moskau.
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