Film

The Master (2012)

Freddie Quell ist ein Mann, dem man nicht unbedingt im Dunkeln begegnen möchte. Nach seinem Kriegsdienst, den er während des Zweiten Weltkriegs bei der Marine absolviert hat, ist er nicht nur körperlich sondern auch seelisch ein Wrack. Aggressiv gegenüber seinen Mitmenschen und garantiert immer ein paar hochprozentige Drinks zu viel intus, treibt er ziellos durchs Leben, wankt von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob. Mit seiner ganzen Mimik und Gestik, seinem von Falten tief durchfurchten Gesicht und seiner direkten und stellenweise aufdringlichen Art wirkt er nicht wirklich vertrauenserweckend. Freddie ist kein Mensch, der irgendwo reinpasst. Sollte man meinen. Bis er eines Abends auf einer seiner Sauftouren durch einen Zufall auf dem Edeldampfer des Intellektuellen Lancaster Dodd landet. Dieser schreibt nicht nur schon an seinem zweiten Buch, er ist auch Begründer der Sekte „The Cause“, die es sich zum Ziel gesetzt hat mithilfe verschiedener (zugegeben dubioser) Techniken Menschen von Traumata und schlechten Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit zu befreien. Dodd ist sofort fasziniert von dem Trinker und Herumtreiber Freddie und nimmt ihn unter seine Fittiche. In langen nervenaufreibenden Frage-Antwort-Spielen versucht er die gestörte Psyche des Sonderlings zu erforschen. Dieser lässt sich bereitwillig darauf ein, vielleicht auch weil ihm zum ersten Mal wirklich jemand zuhört. In Dodds Sekte, die durch ganz Amerika tingelt und ihre Weltanschauungen propagiert, bekommt er bald einen festen Platz zugewiesen. Freddie wird der Mann, der Sektengegnern auflauert und dann schon mal feste draufhaut, wenn ihm deren Kritik nicht in den Kram passt. Dodds Frau (Amy Adams), die im Hintergrund über die Grundsätze der Sekte wacht, sieht das zunehmend kritisch, will ihn ausschließen. Doch Dodd zeigt sich von dieser Idee wenig angetan. Er setzt es sich zum Ziel, Freddie zu heilen – sei es auch mit Mitteln der Gehirnwäsche…

Am stärksten ist P. T. Andersons „The Master“ immer dann, wenn sich die beiden Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix einem Vier-Augen-Gespräch widmen. Die Atmosphäre ist auf der Stelle intim, die Kamera nur auf die Gesichter gerichtet – jedes noch so kleine Zucken im Augenwinkel ist sichtbar. Sowohl Phoenix als durchgeknallter Säufer mit Posttraumatischer Belastungsstörung als auch Hoffman als charismatischer Sekten-Guru spielen überzeugend und mit beachtlicher Intensität. Auf der einen Seite der triebgesteuerte unberechenbare Freddie, auf der anderen Seite der vernünftige aber auch schwer durchschaubare Denker Dodd – zusammen bilden sie eine Einheit. Dennoch fordert Regisseur Anderson mit seiner Figuren- und Handlungsgestaltung viel Geduld vom Zuschauer ab. So richtig hineinversetzen kann man sich in keine der handelnden Figuren, ihre Motivation bleibt phasenweise lange unklar. Der Film droht vor sich hin zu plätschern. Auch weil spätestens ab Mitte des Films handlungstechnisch nicht viel Neues dazukommt. Wir sehen den Sektenalltag, sehen wie Freddie sich wieder treiben lässt. Es gibt wieder etwas, was ihm eine Richtung vorgibt. Fraglich bleibt jedoch bis zum Schluss, was er sich von der Sekte verspricht, was er wirklich über die doch sehr zweifelhaften Heilungsmethoden denkt. Ebenso bleibt unklar, was sich Sektengründer Dodd eigentlich von einem Mann verspricht, der viel zu schnell draufhaut und damit sogar noch den Ruf seiner Sekte zu schädigen droht.

Andersons Film ist ohne Frage Arthouse in Reinform. Mit Symbolik aufgeladene Bilder, das Fehlen einer geschlossenen Erzählstruktur und uneindeutige Szenen, deren Sinn sich wohl erst nach mehrmaligem Sehen erschließen, machen „The Master“ zu einem schwer verdaulichen Werk, das kräftig an der Aufmerksamkeitsfähigkeit des Zuschauers zerrt. Teilweise ist Anderson hierbei ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, die Figuren sind sperrig, die Handlung schwer zugänglich. Denn bei all dieser opulenten und bildgewaltigen Inszenierung vergisst Anderson phasenweise leider eines: den Zuschauer abzuholen und ihn nicht ratlos im Kinosessel sitzen zu lassen. Alles in allem ist „The Master“ zwar sehenswert – was vor allem den schauspielerischen Leistungen von Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman zu verdanken ist. Stellenweise ist der Film jedoch doch etwas zu spröde und einen Tick zu lang geraten.

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    2 KOMMENTARE

  • […] Hoffman und Joaquin Phoenix lebt. Mein Herz konnte der Film dennoch nicht so recht gewinnen… Meine ausführliche Rezension lest ihr jetzt im Farbfilmblog. Viel Spaß im Kino und bis bald! Share this:TwitterFacebookGefällt […]

  • […] Hitchcock – Ein Leben für die Kunst Hyperland: Oscars: Notizen einer langen Nacht Farbfilmblog: The Master buecher.de: Filmtipp: 3096 Tage Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche MusikBlog: Konzert: […]

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