Film

Martha Marcy May Marlene (2011)

Sean Durkins Sektendrama, das mit seinen vier M’s sicher an den Kinokassen für die eine oder andere Verwirrung gesorgt hat, hat seine vielen Preise (u.a. Regiepreis beim Sundance Festival, Cannes…) ohne Frage verdient. Mit sehr eindrücklichen Bildern wird hier eine Sektenaussteigerin porträtiert. In Rückblenden zeigt der Film immer wieder das Leben in der Psychosekte, auf einer zweiten Zeitebene werden Marthas Flucht und ihre Versuche, sich wieder in der bürgerlichen Alltagswelt zu integrieren, beleuchtet. Diese Versuche schlagen fehl. Ihre Schwester Lucy, die Martha in Tränen aufgelöst und mit den Nerven vollständig am Ende an einer Bushaltestelle irgendwo in der Provinz aufliest, versteht sie nicht. Jeder Versuch der Kommunikation wird von Martha abgeblockt. Sie möchte ihre Vergangenheit verdrängen, hinter sich lassen – und schafft gerade dies nicht. Die Einflüsse der Psychosekte haben tiefere Spuren hinterlassen, als sie sich bewusst ist. Sie leidet unter Verfolgungswahn, hat sich die Verhaltensweisen und inhaltsleeren Phrasen der Sekte, allen voran des charismatischen Anführers Patrick (brillant gespielt von John Hawkes), längst zu Eigen gemacht. Für Lucy und ihren Mann Ted wird der Daueraufenthalt der kleinen, seelisch labilen Schwester zur Belastungsprobe. Einerseits hat Lucy Mitleid und fühlt sich für Marthas Wohl verantwortlich – nicht zuletzt, weil sie ihr letzter Halt, das letzte noch verbliebene Familienmitglied ist. Andererseits fühlt sie sich zunehmend überfordert, da sie spürt, dass ihre Schwester ernste psychiatrische Hilfe benötigt und sie ihr – bei allem guten Willen – gar nicht helfen kann.

Wie der Titel des Films bereits verrät, nimmt die Protagonistin im Laufe der Handlung verschiedene (Namens)identitäten an. In der Sekte wird sie gleich zu Beginn durch den Anführer auf den Namen Marcy May getauft. Trotz der überaus abstrusen Handlungs- und Redeweisen der Sektenanhänger kann man Marthas Faszination und ihre Entscheidung, sich einer solchen Gemeinschaft anzuschließen, von Anfang an gut nachvollziehen. Auch wenn der Film ihre Vergangenheit vor der Sekte nicht beleuchtet: Hier scheint sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas zu finden, was ihr bisher verborgen war – Sicherheit, Familie, Zusammenhalt, Wertschätzung, die Möglichkeit neue Fähigkeiten zu erlernen und an andere weiterzugeben. All diese guten Dinge lassen sie über fragwürdige Praktiken hinwegsehen. Etwa darüber, dass Sektenführer Patrick seine Schützlinge vergewaltigt – diesen aber im Nachhinein die Worte im Mund verdreht werden und die Vergewaltigungen plötzlich als etwas Glorreiches hochstilisiert werden. Auch Martha lässt sich manipulieren, sogar so weit, dass die die gleichen verquasten Sekten-Phrasen in gleichem Wortlaut an nach ihr folgende Opfer sexueller Gewalt weitergibt. Spätestens an dieser Stelle strahlt der Film eine sehr düstere und beklemmende Atmosphäre aus. Wo soll das alles noch hinführen? Man möchte an dieser Stelle der schwachen Protagonistin am liebsten zurufen: „Renn, solange du noch kannst.“ Sie tut es, doch zu spät, die Ideologie der Sekte hat sich bereits tief in ihr Innerstes gegraben, hat ihre Psyche weiter aufgezehrt. Vielleicht sogar so weit, dass ein normales Leben ohne Paranoia nie wieder möglich sein wird?

„Martha Marcy May Marlene“ ist ein überaus aufwühlender Film, der einen durch seine beängstigende Stimmung noch eine Weile beschäftigt. Dies ist sicher in erster Linie auch den hervorragenden schauspielerischen Leistungen, allen voran von Hauptdarstellerin Elizabeth Olsen, zuzurechnen. Ebenso ist die Kamera- und Schnittarbeit bemerkenswert, da sie die subjektive Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfigur effektvoll einzufangen vermag. Insgesamt ein gelungenes Regie-Debüt. Sean Durkin – ein Name, den man sich merken sollte!

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