Theater & Musik

Zwiegespräch im Wartesaal: „Gift“ im Deutschen Theater Berlin

Ein grauer Wartesaal, ein paar Stühle, links blinkt einsam ein Kaffeeautomat in dieser doch sehr tristen Umgebung. Auch die beiden Protagonisten, ein Mann und eine Frau, die sich nach ihrer Trennung vor 9 Jahren an diesem unpersönlichen, kalten und wenig einladenden Ort wiedertreffen, wirken verloren, wissen nicht, was sie einander sagen sollen, es folgt unsicheres Gestammel über Banalitäten. Was tun sie hier eigentlich?

Schnell wird klar: hier liegt noch einiges im Argen! Verletzte Gefühle, nicht bewältigte Trauer, verschiedene Vorstellungen vom Leben und vom Glück, über die sich die beiden Ex-Partner scheinbar noch nicht ausgesprochen haben. Auf ihren Schultern lastet zudem immer noch ein Schicksal, das sie vor 9 Jahren ereilte: ihr einziger Sohn kam bei einem Autounfall ums Leben. Dies war zu viel für sie, für ihre Beziehung, für jeden einzelnen von ihnen. Er flüchtete noch in der Silvesternacht, mit zwei Koffern, wartete zwar noch, dass sie ihn aufhalten würde – begann dann aber ein neues Leben in Frankreich. Sie, derweil – blieb zurück: sowohl mit ihrer Trauer um den Sohn, als auch um den Verlust ihres Mannes.

Da sind sie nun also. Zunächst scheint nur eine reine Formalität die beiden gescheiterten Ehepartner zu einem Wiedersehen motiviert zu haben. Der Friedhof, auf dem ihr Sohn Jakob liegt, soll laut eines Briefes der Friedhofsverwaltung von einem rätselhaften Gift betroffen sein, sodass einige Gräber umgebettet werden müssen. Sie warten, dass ihnen nun jemand mehr darüber sagen wird. Die Stunden verstreichen, niemand kommt. Die banalen Gesprächsthemen sind schnell aufgebraucht, das Wortduell über vergangene Zeiten ist eröffnet! Doch die Fronten scheinen verhärtet, sie verstehen den jeweils anderen nicht. Er wirft ihr vor, sich nach all den Jahren immer noch allzu gerne in ihrem Unglück zu suhlen: „Du badest in deiner Trauer als würde es ein schönes, warmes Bad sein.“ Sie hingegen verurteilt ihn für seine Gefühlskälte, sich damals einfach davongemacht, sie in ihrem Leid verlassen zu haben. Wie konnte er jetzt wieder so weiterleben, als wäre nichts geschehen? Mit neuer Frau, mit neuem Kind, irgendwo in der Normandie. „Und jetzt willst du darüber auch noch ein Buch schreiben?“, schreit sie, als er ihr von seinen schriftstellerischen Ambitionen berichtet.

Und doch stellt sich im Laufe ihres emotionsreichen Disputs eine Annäherung zwischen beiden ein. Die beiden Darsteller Dagmar Manzel und Ulrich Matthes spielen ihre beiden Rollen sehr realistisch, jede Bewegung und Geste sitzt, ihr Zwiegespräch ist ergreifend und bewegend. Man beginnt, ebenso wie der jeweils andere Partner im Stück, immer mehr die Motivation hinter ihrem Handeln zu verstehen. Manchmal hat man schon ganz vergessen gerade ein Theaterstück zu sehen, so sehr kann man die von den Schauspielern darstellten Gefühle und Ängste nachempfinden. Das ist psychologischer Realismus, der unter die Haut geht. „Gift“ (nach einer Vorlage von Lot Vekemans) mit zwei brillanten Schauspielern in den Hauptrollen – ein berührendes Kammerspiel, das einen Besuch sehr lohnt. (An der Bar traf ich eine Frau, die sich das Stück bereits zum vierten Mal zu Gemüte führte – nunja, warum nicht. Aber einmal reicht vielleicht auch schon, um diese großartige Inszenierung schätzen zu können. ;))

Tags:        

what do you think?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Instagram

  • 💟 Bella Italia 💞
Angesichts des grauen Herbstwetters träume ich mich gerade zurück in das wunderbare Genua, das ich bereits vor einer Weile besucht habe. Eine Stadt, die meiner Meinung nach viel zu sehr unterschätzt wird. Allein schon durch die malerischen Gassen zu schlendern und einfach nur die einzigartige Atmosphäre zu genießen - wunderbar! Denn - abgesehen von ein paar Kreuzfahrt-Touristen - war es hier erstaunlich ruhig und authentisch.
Welche Stadt in Italien würdet Ihr gerne mal (wieder) besuchen?
#italy #bellaitalia #labellavita #ladolcevita #genova #genua #goexplore #travel #travelblog #gotravel #igtraveller #igtravel #visitgenoa #visititaly #lieblingsland #nostalgia #italylovers
  • Huch, was ist denn hier los? 🐙 Wer zurzeit an der Bülowstraße in Berlin-Schöneberg spazieren geht, der stößt auf diese Tentakeln - angebracht am Street-Art-Museum @urbannation_berlin von den Künstlern @filthyluker und @nevantuznetubus. Coole Idee! 
Am Wochenende konnte außerdem im Rahmen der Urban Nation Biennale und Berlin Art Week eine dystopische Kunstwelt unter den Hochbahngleisen der U-Bahn bestaunt werden. 🐍
#kunstinberlin #streetart #urbanart #tentakeln #berlinartweek #unbiennale2019 #berlinstreetart #urbancontemporaryart #urbannation #berlinart #kulturblog #berlin365 #iloveberlin
  • Wie legen wir fest, welche Orte auf unsere Bucket-Liste kommen und warum ist der Strand auf Instagram eigentlich immer schöner? Reisejournalist setzt sich in seinem Handbuch "Vom Glück zu reisen" auf kritische, humorvolle und anregende Weise mit dem modernen Reisen auseinander. Große Empfehlung für jeden Reise-Fan! Die ganze Rezension könnt ihr jetzt im Blog lesen ✈ #linkinbio 
@reisedepeschen @philipplaage #vomglueckzureisen #buchtipp #reiselust #travel #travelblogger #wanderlust #goexplore #rezension #bookstagram #reading #beach #strandlektüre
  • Moderne Kunst gucken in Edinburgh.
@natgalleriessco #scotmodern #scottishgalleryofmodernart #art #blackandwhite #bwphotograpy #meandart #gallery #kunst #modernekunst #tree #sculture #edinburgh #artfestival #edinburghartfestival #artblog #culturetrip #visitscotland
  • Genialster Buchladen, den ich während meiner Schottland-Reise besucht habe. Er befindet sich in einer ehemaligen Kirche. Ein Traum!
#leakeysbookshop #ilovebooks #bookaddict #bookstagram #scotland #inverness #bookshop #bookshopinverness #bookshelves #traumjedesbuchnerds #shopping #literature #vintage #secondhand #church #buchkathedrale #scotland_ig #scotlandhighlands #scotlandexplore
  • Haruki Murakami ist einer der berühmtesten Autoren Japans. Mich begleiten seine literarischen Werke schon viele Jahre. Es gibt wenig Schriftsteller, die eine solche Sogwirkung entfalten wie Murakami. Im Blog stelle ich Euch sein Leben und sein Werk ausführlich vor. Schaut vorbei: #linkinbio
#harukimurakami #murakami #bookstagram #lieblingsautoren #japan #biginjapan #japaneseliterature #kulturblog #writer #buchtipp #reading #bookaddict #portrait #matcha #teatime #japanfever #inlovewithjapan #books
  • #Austellungstipp: Die Fahrt nach Zehlendorf lohnt sich - im @hausamwaldsee ist gerade eine faszinierende Skulpturen-Ausstellung zu sehen. Es werden u.a. in der Villa und im verwunschenen Garten Werke von den Bildhauer*innen Lynn Chadwick, Hans Uhlmann und Katja Strunz präsentiert. Sehr vielschichtige Schau, bei der sich bei der genaueren Betrachtung der Skulpturen immer wieder überraschende Perspektiven ergeben. 
#kunst #skulptur #art #chadwick #uhlmann #strunz #hausamwaldsee #kunstinberlin #sculpturepark #sculptures #modernart #berlin365 #kultur #berlinkultur #draussenimgrünen #zehlendorf
  • Derzeit tauche ich literarisch wieder nach Japan ab und lese den sehr eindringlich und stark autobiographisch gefärbten Roman "Bekenntnisse einer Maske" von Yukio Mishima. Er schildert auf sehr bewegende Weise, wie ein Mensch sich nach und nach hinter einer Fassade versteckt, um den gesellschaftlichen Normen gerecht zu werden. Große Lese-Empfehlung
#currentlyreading #bookstagram #biginjapan #japan #japaneseliterature #japanese #yukiomishima #confessionsofamask #balkonien #summertime #draussenlesen #ilovebooks #bookaddict #booknerd @keinundaberverlag
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
Sommerdiebe benutzt Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessern. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.