Film

Phoenix (2014)

Wie durch ein Wunder hat die ehemalige KZ-Insassin Nelly überlebt: Sie trifft wieder in Deutschland ein und versucht mühsam Boden unter den Füßen zu gewinnen. Ihr Gesicht, völlig zerstört. Ihre Seele, gepeinigt von den Gräueltaten der Nationalsozialisten im Lager. Christian Petzold wirft in seinem neuen Drama „Phoenix“ den Blick in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, wählt hierbei aber ein ganz bestimmtes, nahezu ungewohntes Sujet aus: ein Thema, das viele andere Filme über Nazi-Deutschland ausklammern. Wie ging es den unzähligen Opfern nach ihrer Rückkehr, ist so etwas wie eine Versöhnung mit dem Land, das einen so mit Füßen getreten hat, überhaupt möglich?

Bei der Protagonistin Nelly beginnt alles mit einer Operation ihres Gesichts – sie bekommt eine neue Identität, die sie eigentlich gar nicht will. Sie will in ihr altes Leben zurück: sie arbeitete als Sängerin, lebte glücklich mit ihrem Mann zusammen. Doch im Krankenhaus schaut sie ein völlig fremdes Gesicht aus dem Spiegel an: geschunden, tiefe Falten, unbekannte Gesichtszüge. Der Arzt beruhigt sie, vielleicht sei es sogar besser, wenn sie die Möglichkeit habe, nochmal komplett neu anzufangen – mit einem Gesicht, das niemand kenne. Doch er versteht seine Patientin nicht, diese wünscht sich nichts sehnlicher herbei, als an alte Tage anzuknüpfen und alles Geschehene zu verdrängen. So macht sie sich auch bald auf die Suche nach ihrem Mann Johnny, den sie eines Abends sogar unverhofft in einer Berliner Varieté-Bar wiedersieht. Doch: er erkennt sie nicht! So sehr sie sich bemüht, er scheint im festen Glauben zu sein, dass seine Frau verstorben sei. Vielmehr: er hofft an ihr Erbe zu kommen. Nelly ist perplex, jedoch auch tief in ihrer Liebe verletzt. Ihr Mann, ein Erbschleicher, jemand, der sie gar nicht geliebt hat und nur an ihr Vermögen will? Und dieser fragt sie doch nach einigen Begegnungen tatsächlich, ob sie sich für seine Frau ausgeben will. Nelly soll Nelly spielen – selbstverständlich die Nelly von damals, mit knallrot geschminkten Lippen, dunkel gefärbten Haaren und Pariser Stöckelschuhen! Sie lässt sich auf den Deal ein, verwandelt sich zurück in die Frau, die ihr Ehemann Johnny sehen will – ein perfides Verwandlungsspiel beginnt…

Die filmische Referenz auf Hitchcocks Drama „Vertigo“ lässt sich sicher nicht von der Hand weisen. Auch dort versucht ein Mann eine verstorbene Frau mittels einer vermeintlich anderen Frau wieder zum Leben zu erwecken. Die Unglaubwürdigkeit darf man sicher auch Petzolds „Phoenix“ vorwerfen – wer also von Vornherein einen wirklichen realistischen Film sehen will, sollte sich das Kinogeld lieber sparen. Aber: Man würde dem Film sehr Unrecht tun, ihn nur nach seiner Plausibilität zu bewerten und möglicherweise sogar einen von zwei großartigen Darstellern getragenen Film verpassen! Natürlich ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich Nelly und Johnny wiedertreffen und der Ehemann die Frau nicht erkennt. Denn ein nahestehender Mensch ist ja hoffentlich mehr als nur sein Gesicht! Dennoch würde man die Grundaussage des Films verkennen, wenn man sich an diesen Details aufhalten würde. Es geht Petzold genau um die Frage der Identität, des Erkennens und eben auch Nichtwahrhabenwollens. Gerade letzteres bestimmte die Nachkriegsgesellschaft – Verdrängen und über die Gräuel des Nazi-Regimes hinweggehen, von neu anfangen und sich nicht um die Vergangenheit scheren – dies alles sind Schutzmechanismen, die auch „Phoenix“ thematisiert.  Ehemalige Lagerinsassen wie Nelly werden auch von engen Freunden und Familie nicht nach ihren traumatischen Erfahrungen gefragt, stattdessen wird so getan, als wäre nichts geschehen. Nelly ist wie ein Phoenix auferstanden aus alter Asche – dass sie jedoch durch ihre Inhaftierung im KZ seelische und körperliche Verletzungen davongetragen hat: nicht relevant. Somit ist „Phoenix“ nicht zuletzt auch ein spannendes Drama, das sich um die Frage nach Identität dreht, um die Eigen- und Fremdwahrnehmung der eigenen Person. Spielt nicht jeder manchmal nur eine Rolle, die man von ihm erwartet? Spätestens das Ende des Films ist sehr bewegend und jagt einem einen kalten Schauer über den Rücken. Nina Hoss und Ronald Zehrfeld als Ehepaar, das zwischen Erkennen und Nichterkennenwollen taumelt, tragen dieses intensive Drama. Aufwühlendes neues Werk von Christian Petzold – aber nur für Besucher empfehlenswert, die einsehen wollen, dass Film Kunst ist und dementsprechend auch nicht unbedingt die Wirklichkeit wiedergeben muss.

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  • […] Wie durch ein Wunder hat die ehemalige KZ-Insassin Nelly überlebt: Sie trifft wieder in Deutschland ein und versucht mühsam Boden unter den Füßen zu gewinnen. Christian Petzolds neues Werk erzählt vom Holocaust und dem Problem seine eigene Identität wiederzufinden. Aufwühlend gespieltes Drama mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld. Rezension jetzt im Farbfilmblog! […]

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