Literatur

Literatur in 300 Wörtern (22): Luigi Pirandello – Mattia Pascal

Luigi Pirandello: Mattia Pascal

mattia_pascalInhalt in 3 Sätzen: Eine unglückliche Ehe, hohe Schulden und obendrein auch noch eine langweilige Arbeit als Bibliothekar: Das Leben von Mattia Pascal in einer kleinen italienischen Provinzstadt lässt sich als alles andere als erfüllend beschreiben. Als er sich mit seinem letzten Geld nach Monte Carlo aufmacht, dort überraschenderweise beim Roulette sogar ein großes Vermögen erspielt, scheint sein Leben jedoch eine positive Wendung zu nehmen. Im Zug zurück in seinen Heimatort stößt er auf eine mehr als eigenartige Meldung in der Zeitung: seine eigene Todesanzeige, die ihm eine neue Existenz ermöglicht!

Lieblingszitat: „Ich zitterte am ganzen Körper. Endlich blieb der Zug wieder in einer Station stehen. Ich öffnete die Wagentür und stürzte hinaus, ich hatte die wirre Vorstellung, ich müsse irgend etwas tun, sofort: ein dringendes Telegramm abschicken, um die Nachricht zu dementieren. Der Sprung aus dem Wagen wurde meine Rettung: als wäre meine dumme, fixe Vorstellung plötzlich aus meinem Gehirn geschüttelt, erkannte ich blitzartig…das war meine Befreiung, meine Freiheit, mein neues Leben! Ich hatte zweiundachtzigtausend Lire bei mir und mußte sie niemandem mehr geben! Tot war ich, tot: ich hatte keine Schulden mehr, keine Frau mehr, keine Schwiegermutter mehr, niemanden! Ich war frei! Frei! Frei! Was wollte ich mehr?“

In der Tat fühlt sich Mattia Pascal, als er seine alte Identität ablegt und sich von nun an Adriano Meis nennt, wie neugeboren, unternimmt jahrelang Reisen durch Europa und entdeckt neue Möglichkeiten und Lebensentwürfe. Luigi Pirandellos frühes Werk ist stark autobiographisch gefärbt und spiegelt die tief verwurzelte Sehnsucht des Autors wider, aus der bürgerlichen Welt auszubrechen und die lange aufrechterhaltene Fassade der eigenen Identität abzustreifen. Der Roman zeigt eindrücklich, teilweise tragikomisch und ironisch die Problematik auf, nicht zu wissen, was die eigene Persönlichkeit ausmacht und wie sehr diese äußeren Einflüssen unterliegt. Die „Freiheit“ des Protagonisten entpuppt sich bald wie so vieles andere als bloße Fassade, die ihm auch nicht zum dauerhaften Glück verhelfen kann. „Mattia Pascal“ – ein Roman über die Verunsicherung des modernen Menschen, über Identität und die Unmöglichkeit außerhalb der gesellschaftlichen Normen zu leben.

Dieses Buch ist für Leser, die sowohl eine leichtfüßige als auch nachdenklich stimmende Erzählung lesen möchten. Pirandello beweist mit “Mattia Pascal” die Fähigkeit, zugleich eine mitreißende und unterhaltsame Geschichte zu erzählen, die ebenso großen Raum für eigene Reflexionen bietet. Thematisch scheint sich Max Frischs Werk „Stiller“, das genau 50 Jahre später erschien, stark an Pirandello anzulehnen: Die Suche nach dem eigenen Ich und die Möglichkeit der Literatur, (Lebens-)Geschichten nach Belieben wiederzugeben, steht hier ebenso stark im Vordergrund. Somit sei Pirandellos Roman auch unbedingt Frisch-Lesern sehr ans Herz gelegt.

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    5 KOMMENTARE

  • kutabu 29. März 2015 Reply

    Danke für diesen Lesetipp!

  • Xeniana 29. März 2015 Reply

    Ich bedanke mich auch!

  • maitredecafe 29. März 2015 Reply

    Ich lese gerade “Stiller” und beim Lesen deiner Inhaltsangabe musste ich auch sofort an Frisch denken. Danke für die Kostprobe, ich schau gleich dass ich das Buch gesorge 🙂

  • […] Was wäre, wenn wir plötzlich die Chance bekämen, eine andere Person zu sein? Dieser Frage geht der sizilianische Schriftsteller Luigi Pirandello in seinem Roman „Mattia Pascal“ auf den Grund. Hier erhält die Titelfigur unverhofft die Möglichkeit, sein altes Leben hinter sich zu lassen und nochmal von vorne anzufangen. Allerdings stellt sich die neu gewonnene Freiheit schnell als Ballast heraus, denn auch mit seiner neuen Identität kann er auf Dauer kein Glück empfinden – zumal er jeden Moment damit rechnen muss, als Hochstapler enttarnt zu werden. Der autobiographisch geprägte Roman regt definitiv zum Nachdenken an, schafft es jedoch gleichzeitig das Thema der Identitätskrise auf leichtfüßige und dennoch nicht oberflächliche Weise zu diskutieren. Neugierig geworden? Hier hatte ich schon mal über das Buch geschrieben. […]

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  • Hach, St. Petersburg.. Ich vermisse es jetzt schon. 9 Tage waren nicht zu lang, auch wenn mich viele in meinem Umfeld ungläubig fragten, ob ich noch woanders hinfahre. Nein, ich hätte es selbst nicht gedacht, 9 Tage waren fast zu kurz, um diese vielfältige Stadt voller Kultur zu entdecken. So viele Stadtquartiere, Inseln zum Flanieren, coole moderne Cafés, freundliche Menschen. Hier hätte ich sogar gut und gerne noch mehr Zeit verbringen können. Ich komme wieder, vielleicht dann auch mal nach Moskau.
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