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Literatur in 300 Wörtern (52): Delphine de Vigan – Loyalitäten

Delphine de Vigan: Loyalitäten

Inhalt von “Loyalitäten” in 3 Sätzen:

Der 12-jährige Théo ist ein stiller und an sich unauffälliger Schüler, konsumiert jedoch regelmäßig heimlich Alkohol, um seine privaten Familienprobleme zu vergessen. Seine Lehrerin Hélène möchte ihm helfen, hat aber keinerlei Beweise für ihren Verdacht, ebenso würde Théos bester Freund Mathis gerne jemandem alles anvertrauen, möchte gleichzeitig aber auf gar keinen Fall seinen Freund verraten. “Loyalitäten” erzählt von dem schwierigen Balanceakt zum einem gut und richtig zu handeln, sich andererseits aber auch loyal gegenüber geliebten Personen zu verhalten.

Mein Lieblingszitat aus Delphine de Vigans Roman “Loyalitäten”:

“Mathis hält ihm die Flasche hin. Nach einem letzten Schluck leckt sich Théo über die Lippen, er mag diesen Geschmack nach Salz und Metall, der lange, manchmal sogar mehrere Stunden lang, im Mund bleibt. Der Abstand zwischen Zeigefinger und Daumen zeigt ihnen, wie viel sie getrunken haben. […] Sie haben viel mehr getrunken als beim letzten Mal. Und beim nächsten Mal werden sie noch viel mehr trinken. Das ist ihr Pakt, ihr Geheimnis.”

Alkoholismus und dysfunktionale Familienstrukturen: “Loyalitäten” von Delphine de Vigan

Im Fokus der Handlung steht Théo, der von seinem Leben als Scheidungskind zunehmend überfordert ist. Er pendelt stets zwischen seiner unterkühlten perfektionistischen Mutter und seinem depressiven Vater hin und her. Bei beiden Elternteilen erfährt er keine Nähe und Geborgenheit. Seine Mutter ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf ihren Sohn einzugehen. Seinen Vater muss er sogar umsorgen, da dieser es nicht mehr schafft selbst einzukaufen und den Haushalt zu machen. Hinzu kommt noch, dass er niemanden hat, mit dem er über all diese privaten Probleme und Schwierigkeiten sprechen kann. Der Alkohol wird zu seinem Ventil. Er trink ihn manchmal allein, manchmal mit seinem einzigen Freund Mathis, um sich zu berauschen und vom Gefühl der Trunkenheit “bedecken, begraben zu lassen”, wie er es selbst ausdrückt.

Lediglich Théos und Mathis’ Lehrerin Hélène wird aufmerksam auf das zunehmend sonderbare Verhalten von Théo. Vielleicht ist sie aber auch sensibler als alle anderen, weil sie selbst in ihrer Kindheit schwere Zeiten durchlebt hat. Im Lehrerzimmer stößt sie hingegen nur auf Ablehnung, als sie von ihrem Verdacht berichtet. Wo sind die Beweise? Eine weitere Erzählebene des Romans konzentriert sich schließlich auf die Mutter von Mathis, die ebenso Veränderungen an ihrem Sohn und seinem Freund feststellt, gleichzeitig aber auch in ihrem eigenen Eheleben auf die Probe gestellt wird und sich fragen muss, wie viel Loyalität zu einer guten Beziehung gehört.

Delphine de Vigan verwebt diese einzelnen Erzählstränge und Perspektiven auf sehr kunstvolle Weise und schafft es große Spannung zu erzeugen. Der Roman ist ein echter “Pageturner”, den man am liebsten in einem Zug durchlesen möchte. Wann wird endlich jemand Théos Abgleiten in den Alkoholismus bemerken und etwas dagegen unternehmen? Vor allem diese treibende Frage lässt einen als Leser nicht los – bis zum bitteren Ende des Romans.

Wem wird “Loyalitäten” gefallen?

Dieses Buch ist für Leser, die einen sozialkritischen und zugleich packenden Roman lesen möchten. “Loyalitäten” behandelt sensible Themen wie Jugend-Alkoholismus, die seelische Vernachlässigung von Kindern sowie dysfunktionale Familienstrukturen. Zusätzlich zeigt er Roman, wie schwierig es manchmal ist, seinen Mitmenschen gegenüber loyal zu handeln. Definitiv keine leicht verdauliche Kost: Ein Roman, der einem mit einem beklemmenden Gefühl zurücklässt und einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf geht.

Neugierig auf diesen Roman oder ein anderes Werk der französischen Autorin Delphine de Vigan geworden? Vor einer Weile habe ich ihren Psychothriller “Nach einer wahren Geschichte” besprochen. Hier erhaltet Ihr außerdem weitere Frankreich-Lesetipps. Viel Spaß!

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