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Literatur in 300 Wörtern (55): Michel Houellebecq – Serotonin

"Serotonin" von Michel Houellebecq - Rezension auf Sommerdiebe.de

Inhalt von “Serotonin” in 3 Sätzen:

Der Protagonist von “Serotonin” mit dem etwas umständlichen Vornamen Florent-Claude hat genug von seiner unbefriedigenden Existenz. Freundin, Wohnung, Job: alles lässt er eines Tages hinter sich, um allen Ballast loszuwerden und vor allem, um über sein bisher gelebtes Leben nochmal gründlich nachzudenken. Seine Reise durch Frankreich führt ihn zu einst geliebten Frauen, zu einem idealistischen Studienfreund aus seiner Jugend und nicht zuletzt zu sich selbst und seinen unzähligen verpassten Chancen, verlorenen Träumen und bitteren Erkenntnissen über ein möglicherweise falsch gelebtes Leben.

Lieblingszitat:

“Gott hatte mich so geformt, aber ich war nichts anderes, war tatsächlich nichts anderes, war nie irgendetwas anderes gewesen als ein substanzloses Weichei, und nun bin ich schon sechsundvierzig Jahre alt, ich war nie in der Lage, über mein eigenes Leben zu bestimmen, kurzum erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass der zweite Teil meiner Existenz ähnlich wie der erste nur in einem schlaffen und schmerzvollen Zusammensacken bestehen wird.”

Die Hauptfigur ist eine echte Houellebecq-Figur, wie sie auch schon in seinen zahlreichen anderen Romanen wie etwa “Unterwerfung” oder “Elementarteilchen” auftaucht. Männlich, im mittleren Alter, vom Leben und sich selbst enttäuscht, mit einem Hang zum Pessismus und zu depressiven Verstimmungen. Auch der Protagonist in “Serotonin” steckt in einer tiefen Sinnkrise, er suhlt sich in Selbstmitleid und einer abgrundtiefen Melancholie, die wohl kaum durch die bloße Einnahme eines Antidepressivums verschwinden wird. “Captorix”, so das erwähnte “Wundermittel” soll Abhilfe schaffen und die Hauptfigur wieder auf den rechten Weg bringen, sie mit genug Serotonin versorgen, um ein normales Leben führen zu können.

Melancholie und Weltschmerz: Da hilft auch kein Serotonin

Ein “normales Leben” heißt in diesem Fall: “Körperpflege, ein auf gutes Nachbarschaftsverhältnisse beschränktes Sozialleben, simple Behördengänge” betreiben zu können. Stattdessen sagt sich Florent-Claude von allem los, was zu seiner Existenz gehörte und macht sich auf den Weg: zu ehemaligen Geliebten und einem guten Studienkollegen, der einen eigenen ökologischen Landwirtschaftsbetrieb gegründet hat, jedoch an der EU-Politik scheitert. Houellebecq zeichnet ein bitteres Porträt einer Gesellschaft, die nur noch auf Profit aus ist, unfähig ist Beziehungen zu führen. Das Individuum und seine Wünsche und Ideale – so wieder die bittere Erkenntnis – kommen zu kurz. Politische Themen wie Islamophobie, Massentierhaltung und die EU tauchen immer wieder als Hintergrundfolie auf, im Fokus steht jedoch Florent-Claude, der unfähig ist, das Elend der Welt und sein – seiner Meinung nach – verkorkstes Leben länger zu ertragen.

Wem wird “Serotonin” von Michel Houellebecq gefallen?

Allen Lesern, die den großen Provokateur der zeitgenössischen französischen Literatur trotz seiner häufigen Verstöße gegen die political correctness zu schätzen wissen, sei auch “Serotonin” sehr empfohlen. Der Roman liest sich dank seiner flüssigen Sätze und seines düsteren Anti-Helden sehr schnell. Obwohl die Erzählung um den depressiven Mittvierziger trostlos, pessimistisch und traurig stimmt, schafft es Houellebecq dennoch immer wieder scharfsinnige Beobachtungen und zynische (und sehr treffende) Bemerkungen einzustreuen. Diese machen den Roman umso lesenswerter.

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