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Das neue Tanzstück “Plateau Effect” des Staatsballetts Berlin

»Plateau Effect« by Jefta van Dinther, Photo: Jubal Battisti

10 Tänzer/innen, ein überdimensional großes Tuch, das hinter ihnen gespannt ist. Das Tanzstück “Plateau Effect” des schwedischen Choreographen Jefta van Dinther beginnt sehr minimalistisch. Eine der Tänzerinnen beginnt zu singen, eine Version des Songs “Friday Night” der kanadischen Singer-Songwriterin Michelle Gurevich. Zaghaft beginnen alle Tänzer/innen mit zunächst kleinen und dann immer größer werdenden Bewegungen das Tuch zum Schwingen zu bringen. Ehe man es sich versieht, wirkt das Textil plötzlich bedrohlich. Nach und nach zieht es immer mehr Tänzer/innen in einen Strudel und sie verschwinden spurlos. Nach diesem Einstieg, das beim Zuschauer ein beklemmendes Gefühl hinterlässt, wird das Tuch heruntergelassen und zu einem großen unförmigen Stoffball geformt. Dieser bewegt sich, wie ein Ungeziefer, ein eigenartiges Tier, Ungeheuer und vielleicht auch eine Made, sehr zögerlich vorwärts.

Die Grenzen des modernen Tanzes sprengen

Das Tuch, das wird schnell klar, ist viel mehr als eine bloße Requisite. Es erfährt im Laufe des Stücks unzählige Transformationen und spielt eine der Hauptrollen, mit der die Tänzer/innen interagieren. Dieses Konzept macht “Plateau Effect” im Gegensatz zu klassischen Tanzstücken sehr ungewöhnlich. Hier entsteht live Kunst – für den Zuschauer sicher zunächst gewöhnungsbedürftig, dann ist es aber auch sehr erfrischend, wie wir Zeuge eines Entstehungsprozesses werden. Statt eleganten Dance-Moves beobachten wir, wie die Protagonisten/innen auf der Bühne ein Zelt bauen, das als Unterschlupf dienen soll. Oder wie sie die Segel hissen und sich auf große Fahrt begeben. Die unterschiedlichen Gebilde, die mit dem Tuch entstehen, lassen dem Zuschauer Freiraum für seine eigenen Interpretationen.

Welches Gebilde entsteht hier? Die Inszenierung lässt Raum für Interpretationen ( Photo: Jubal Battisti, Staatsballett Berlin)

Welches Gebilde entsteht hier? Die Inszenierung lässt Raum für Interpretationen ( Photo: Jubal Battisti, Staatsballett Berlin)

Plateau Effect als Stillstand der Entwicklung

Der Begriff “Plateau Effect” umschreibt in der Wirtschaft ursprünglich den Effekt, der eintritt, wenn eine Entwicklung nach längerer Aufwärtsbewegung plötzlich zum Stilllstand kommt. Der Fortschritt bleibt aus. Und genau das passiert auch auf der Bühne: Zwischendurch inmitten des Aufbauprozesses wird es hektisch und laut – die Tänzer/innen rufen sich etwas zu, das Bauen scheint nicht ganz ohne Probleme zu laufen und ins Stocken zu geraten. Die Spannung zwischen den einzelnen Tänzern steigt, die Bewegungen fallen zum Teil rastlos und unruhig aus. Das hier Gezeigte ist schon längst kein leichtfüßiger Tanz mehr, sondern harte Arbeit und ein Kampf ums nackte Überleben. Steht die Apokalypse bevor?

Und: ist das noch Tanz? In “Plateau Effect” werden Gattungsgrenzen und auch der traditionelle Begriff “Tanz” aufgebrochen. Die Nähe zur Kunst-Performance oder zum Theater ist klar zu spüren. Die neue Inszenierung des Staatsballetts ist damit eindeutig mehr, als man es zunächst beim Stichwort “Ballett” erwarten würde. Wer also offen für Neues ist und bereit ist, sich auf eine außergewöhnliche und anregende moderne Inszienierung einzulassen, dem sei das Tanzstück “Plateau Effect” ans Herz gelegt.

Ein paar Videoeindrücke:

Neugierig auf das moderne Tanzstück “Plateau Effect” geworden? Die nächsten Termine und mehr Informationen findet Ihr hier.

Ich danke dem Staatsballett Berlin herzlich für die Einladung.

Hier findet Ihr meine weiteren Rezensionen zu Stücken vom Staatsballett Berlin.

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