Film Literatur

Das Bildnis des Dorian Gray (1945)

Das Bildnis des Dorian Gray (1945)

Mit der Literatur und dem Film ist es ja noch nie leicht gewesen. Wenn ein Regisseur auf die Idee kommt, einen Literaturklassiker zu verfilmen, reagieren die Zuschauer, die das Buch gelesen, vielleicht sogar vergöttert haben, oft mit großer  Ablehnung: „Wie kann man das SO verhunzen? Nein, die Hauptfigur hab ich mir ja ganz anders vorgestellt!“ Auch Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“ wurde im Laufe der Zeit ganze neunmal verfilmt! Zuletzt übrigens 2009 unter der Regie von Oliver Parker – und das sogar mit prominenter Besetzung: mit Colin Firth als Lord Henry und Ben Barnes als Dorian Gray. Die Filmkritiker teilten harsche Kritik aus. Die Filmzeitschrift Cinema urteilte etwa bissig: „Die kraftlose Inszenierung und die blassen Darsteller tragen diesen Klassiker der Weltliteratur zu Grabe, statt ihn neu zu beleben.“

Nun gehört Oscar Wildes einziger Roman ja bekanntlich zu meinen absoluten Lieblingsromanen. Lange habe ich überlegt, ob ich nicht lieber gänzlich auf die Sichtung einer Verfilmung verzichten sollte. Kann man den herausragenden Sprachwitz von Oscar Wilde und die moralischen Konflikte der Hauptfigur überhaupt filmisch umsetzen? Vor ein paar Tagen fiel mir zufällig die Verfilmung von 1945 (Regie: Albert Lewin) in die Hände – und ich machte prompt die Probe aufs Exempel. Vielleicht war es ja doch mal einen Versuch wert, meinen Lieblingsroman als Verfilmung zu sehen…

Gleich zu Beginn wird klar: Ich hatte es hier mit einer sehr klassischen Verfilmung zu tun, die sich sehr eng an das Original hält. Lord Henry Wotton (gespielt von George Sanders) wird von Anfang an als Hedonist und Zyniker charakterisiert, der keinerlei moralische Bedenken hat, und passenderweise schon in der ersten Einstellung in die Lektüre des Skandalbuchs „Les Fleurs du Mal“ (Die Blumen des Bösen) von Baudelaire vertieft ist. Innerhalb kürzester Zeit bringt er den jungen und bildhübschen Dorian dazu, sich seinem Lebenskonzept des hemmungslosen Genusses anzuschließen. Dorian (gespielt von Hurd Hatfielt) strahlt eine unglaubliche Naivität und Unschuld aus, die der Charakterisierung im Roman sehr nahe kommt. Unter dem Einfluss von Lord Henrys Lobpreisung der Jugend geht er einen verhängnisvollen Pakt ein: Das von dem befreundeten Künstler Basil Hallward gemalte Porträt altert, während er selbst jung und schön bleibt. Er tauscht somit seine  Seele für ewige Jugend ein.

Schnell kommt auch eine Frau ins Spiel: Anders als im Roman verliebt sich Dorian nicht in eine talentierte Schauspielerin, sondern in eine attraktive Varieté-Sängerin namens Sibyl Vane (Angela Lansbury), die fröhlich Abend für Abend ihr Liedchen „Goodbye Little Yellow Bird“ trällert. Dorian ist hingerissen von ihr und beginnt sie eifrig zu umwerben. Wieder unter dem Einfluss von Lord Henry, der sowieso nicht viel von dauerhaften Bindungen hält und diese Einstellung immer wieder in seinen sarkastischen Aussagen äußert, trennt sich Dorian jedoch schon bald von ihr – und um alles noch schlimmer zu machen speist er sie (nach einer angedeuteten Liebesnacht) sogar mit einer hohen Geldsumme ab! Ohne jedoch zu ahnen, wie sich sein Leben dadurch noch verändern wird…

Diese kleinen Abänderungen im Drehbuch sind aber keineswegs negativ zu beurteilen. Zwar fällt dadurch meiner Meinung nach ein zentraler Aspekt des Romans weg: Das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Im Roman verliert die von Dorian Gray angebetete (Shakespeare)-Schauspielerin Sibyl Vane ihr Talent, nachdem sie mit ihm liiert ist. Die Liebe, die sie nun im echten Leben erlebt, kann sie plötzlich nicht mehr in ihrem Schauspiel ausdrücken. Das Leben hat somit die Kunst zerstört. Dennoch ist diese Auslassung angesichts einer Lauflänge von 110 Minuten verständlich und zu verschmerzen. Der Fokus der Verfilmung liegt mehr auf den moralischen Bedenken des Protagonisten, der sich immer wieder fragen muss, ob der von ihm eingeschlagene Weg – ein Leben voller Exzesse und Sünden – tatsächlich der richtige ist. Dorian Gray-Darsteller Hurt Hatfielt verkörpert seine Figur auf sehr starre und emotionslose Art und Weise. Selten zeigt sich auf seinem Gesicht eine Veränderung – und das selbst bei sehr fragwürdigen Handlungen! Dies ist zum einen positiv zu bewerten – denn auch im Roman wird Dorian als sehr abweisender und kaltherziger Dandy dargestellt. Gleichzeitig führt dies aber auch dazu, dass wenig über Mimik und Gestik glaubhaft gemacht wird, sondern eine Off-Stimme permanent die Gefühle und Gedanken des Dorian Gray beschreibt. Dies kann natürlich zum einem am Alter des Films (1945!) liegen, denn heute würde man innere Konflikte einer Figur sicher anders zeigen. Zum anderen ist es aber vielleicht auch der literarischen Vorlage von Oscar Wilde geschuldet, in der er bereits so angelegt ist, dass Figuren wenig über ihr Innenleben nach außen tragen. Zwar geben Figuren wie der Oberdandy von allen – Lord Henry – von Zeit zu Zeit geistreiche Bonmots zum Besten. Was diese vermutlich von tiefen Selbstzweifeln und Zynismus zerfressene Figur jedoch wirklich denkt, bleibt unklar. So stützt sich das Lebenskonzept eines Dandys letztendlich doch auch auf folgende Pfeiler: Abgrenzung von der Masse, Passivität, Emotionslosigkeit und Unabhängigkeit!

Diese Bewegungslosigkeit im Schauspiel findet sich jedoch in allen Rollen. Der Film wirkt teilweise wie eine abgefilmte Theateraufführung und spielt größtenteils in den edel ausgestatteten Apartments der Londoner High Society. Zwar wird auf diese Weise der exquisite Lebensstil der Dandys umfangreich bebildert, dies führt jedoch auch zu einigen Längen. Selbst das zentrale Motiv – das Gemälde, das im Laufe der Handlung immer weitere Spuren von Dorians moralischem Verfall aufzeigt – entlockt einem den einen oder anderen Lacher. In besonders dramatischen Momenten (1945 wahrscheinlich unglaublich revolutionär) leuchtet es in grellsten Technicolor-Nuancen!

Das Bildnis von Dorian Gray von 1945 wirkt somit angesichts der filmischen Mittel und des Schauspiels vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas angestaubt. Ignoriert man hingegen den Staub für einen kurzen Moment, erwartet einen eine sehenswerte Literaturverfilmung eines sehr lesenswerten Romans! Ausnahmsweise also mal eine Adaption, bei der sich der liebe Oscar Wilde nicht im Grabe umzudrehen braucht…

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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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