Literatur

Nina Bußmann: Große Ferien

Endlich Sommerferien! Doch für Schramm werden es die längsten seines Lebens werden. Denn vor ein paar Monaten wurde er von seinem Dienst als Gymnasiallehrer suspendiert. Grund: ein ominöser Vorfall mit einem Schüler. Was genau bei dieser Geschichte, Angelegenheit oder, wie Schramm sagt, diesem Vorkommnis passiert ist, bleibt offen. Hat er ihm eine Ohrfeige gegeben? Hat sich zwischen Lehrer und Schüler eine Liebesbeziehung entwickelt? Hat Schramm seinen Schüler in irgendeiner Weise bevorzugt, die nicht mehr mit rechten Dingen zuging?

Erzählt wird der Roman aus der Perspektive des eigenbrötlerischen Lehrers, der sich mit exzessiver und äußerst penibler Gartenarbeit von diesem Erlebnis abzulenken versucht, dabei über sein Leben, seine Familie und nicht zuletzt über verpasste Chancen nachdenkt. Schramm wollte nie Lehrer werden, er hatte einmal etwas ganz anderes geplant. Reisen wollte er, Länder entdecken, schon als Kind hatte er seine Mitschüler und seinen jüngeren Bruder Viktor mit seinen außerordentlichen Kenntnissen überflügelt. Doch es kam dann doch alles ganz anders. Sein Bruder rebellierte gegen das strenge Elternhaus, verschwand früh ohne sich richtig von der Familie zu verabschieden und ließ sich fortan nur noch selten blicken. Die Pflege der physisch und psychisch sehr labilen Mutter blieb an Schramm hängen. Das Verhältnis zwischen den ungleichen Brüdern ist dementsprechend gespannt. Dennoch scheint sein Bruder Viktor in Schramms prekärer Lage die einzige Person zu sein, der er noch sich anvertrauen könnte. Über besagte Vorkommnisse mit dem Schüler, dem er sich wohl zu sehr genähert zu haben scheint – dem Sonderling Waidschmidt, der in seinem Außenseitertum so viel von ihm selbst in sich zu haben schien, der die anderen Mitschüler verachtete und ihn als Lehrer bewunderte.

Als Leser befindet man sich laufend in der Gedankenwelt des verbitterten Lehrers, der selbst nicht recht weiß, was mit ihm geschah, was er hätte anders machen können. Es bleibt vieles unklar – dass man nicht recht weiß, was nun mit seinem Lieblingsschüler Waidschmidt passiert ist, stößt einem gar nicht mal so negativ auf, es trägt sogar zur Spannung bei. Aber dafür überkommt einem beim Lesen doch oft der Wunsch, die Motivation des Protagonisten zu ergründen. Man hat das Gefühl, für Bußmanns Figur nur wenig Mitgefühl und Sympathie entwickeln zu können, ist sie doch oft so blass und mürbe wie eine Scheibe Knäckebrot. Etwa wenn seitenlang Schramms Bemühungen geschildert werden, über das Unkraut in seinem Garten Herr zu werden. Penibel genau, als Äquivalent zu Schramm eigener Akribie, wird da mit Pflanzennamen und botanischen Begriffen um sich geworfen, dass einem als Leser der Kopf schwirrt. Der Garten und das Unkrautjäten fungiert ohne Zweifel als Mittel zur Charakterisierung der Hauptfigur, vielleicht gar als Metapher für Schramms laufende Bemühungen in der Schule tief in die Materie einzudringen – und die Dinge an der Wurzel zu fassen zu kriegen – anstatt seine Schüler in seinem Physik-, Erdkunde- und Matheunterricht nur mit oberflächlichen Details abzuspeisen. Wie gelungen man solcherlei Stilmittel findet, ist natürlich Geschmackssache. Bezogen auf die Hauptfigur stellt sich allerdings die Frage, ob das in irgendeiner Weise dazu führt, ihr näherzukommen und sie zu verstehen.

Auch kommen meiner Meinung nach einige bedeutende Handlungsstränge zu kurz. Das angedeutete schwierige Verhältnis zu den Eltern wird nur angerissen, ebenso wie die eigentliche bedeutsame Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die schließlich zum Konflikt führt, nur sehr rudimentär beleuchtet wird. Bei einer kürzeren Erzählform wie etwa der Novelle geht das sicher, von einem Roman erwartet man aber doch eine intensivere Beschäftigung mit den Figuren, die den Protagonisten in seinem Handeln beeinflussen. So wird man schnell dazu verführt, den Figuren einen Stempel aufzudrücken („der autoritäre Vater“, „der rebellische Bruder“, „die schwache Mutter“), wirken sie doch teilweise durch die bloße Andeutung ihrer Charaktereigenschaften wenig authentisch und nicht wie echte Menschen.

Im Großen und Ganzen hat Nina Bußmann mit ihrem Roman ein bedrückendes Porträt eines Lehrers abgeliefert, das neben den erwähnten Schwächen durchaus durch seine sprachlichen Finessen überzeugen kann, besonders wenn es um die Schilderung der einengenden Atmosphäre einer Schule geht. An solchen Stellen fühlt man sich unwiderruflich in die eigene Schulzeit zurückversetzt, kann den muffigen Geruch der Schulbibliothek, das verqualmte Lehrerzimmer und die braunen Linoleumböden in seinen Gedanken wieder aufleben lassen und mit einem Gefühl von Erleichterung denken: Puh! Wie gut, dass das vorbei ist! Sprachlich versteht die Autorin somit ohne Frage ihr Handwerk, an den Figuren ließe sich aber sicher noch feilen…

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