Theater & Musik

Theater: Onkel Wanja im Deutschen Theater Berlin

Das neue Jahr ging kulturell gut bei mir los. Ich habe zu Weihnachten unter anderem eine schöne Jahreskarte für’s Deutsche Theater Berlin bekommen – das heißt ich werde in Zukunft wieder häufiger ins Theater gehen. Es ist eben doch was ganz anderes literarische Werke nicht nur zu lesen, sondern mit Schauspielern auf einer Bühne zu sehen. Ich finde es immer wieder schön zu sehen, wie den Texten Leben eingehaucht wird und mich auf ganz andere Art und Weise berühren als das bloße geschriebene Wort. So viel dazu. Auf ein theaterreiches Jahr 2016!

Onkel Wanja - Deutsches Theater Berlin

Mein erstes Stück in diesem Jahr war Onkel Wanja von Anton Tschechow, was nicht nur perfekt zum sibirischen Berliner Winter passte, sondern mich vor allem durch die großartige Schauspieler und spannende Umsetzung begeisterte. Ulrich Matthes spielt die Titelrolle, den lethargischen Gutsverwalter Iwan (Wanja), auf sehr eindrucksvolle und bewegende Weise. Auch die zahlreichen anderen Figuren wie der idealistische Landarzt Astrow (mit nahezu groteskem Schnurrbart: Jens Harzer), die junge verführerische Frau des Professors (Constanze Becker) oder die unglücklich verliebte Sonja (Meike Droste) sind ideal besetzt und hauchen dem (ansonsten recht ereignislosen Stück) viel Leben ein. Denn, die Lethargie, Melancholie und das Philosophieren über verpasste Chancen nehmen in Tschechows Stück sehr großen Raum ein. Es ist durchaus eine Kunst, die Spannung in diesem recht dialoglastigen Stück die ganze dreistündige Spielzeit über für den Zuschauer aufrecht zu erhalten. Dem von Regisseur Jürgen Gosch engagiertem Schauspielerensemble gelingt dies aber mit Bravour: es fließt die eine oder andere Träne, es wird gesungen, Wodka getrunken und getanzt, philosophiert und lamentiert – und schließlich folgt früher oder später die bittere Erkenntnis, dass das eigene Leben keinen Sinn gemacht hat bzw. dass man sich umsonst um ein erfülltes Leben bemüht hat.

Auch inszenatorisch gibt es einige großartige Einfälle, die das Stück auflockern und den Zuschauer die auf der Bühne aufrecht erhaltene Beklemmung und Auswegslosigkeit anschaulich nachempfinden lässt. Das Bühnenbild besteht lediglich aus einem mit Lehm ausgekleidetem großen Kasten, aus dem sich keine der Figuren je herausbewegen kann. Die Figuren, die gerade nicht spielen, stellen sich an den Bühnenrand und harren aus, bis sie wieder an der Reihe sind. Zu Beginn bleibt das Licht im Zuschauerraum angeschaltet – sicher eine bewusste Entscheidung des Regisseurs – denn dadurch fühlt man sich selbst unweigerlich in das Geschehen auf der Bühne miteinbezogen. Wie leicht wäre es doch ansonsten, sich im dunklen Zuschauerraum gemütlich in seinem Theatersessel zurückzulehnen, die Handlungen auf der Bühne aus sicherer Entfernung zu betrachten und sich einfach berieseln zu lassen…

Für mich war dieses Stück jedenfall der perfekte Start in mein kulturelles Jahr. Ich kann es kaum erwarten, bald wieder mal ins Theater zu gehen. Ist wirklich mal ein ganz anderes Erlebnis als zu lesen oder ins Kino zu gehen. Unmittelbarer, intensiver. Ich bin gespannt, was mich noch erwartet.

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