Literatur

Dandy, Ästhet, literarisches Genie – zum 111. Todestag von Oscar Wilde

Oscar Fingal O' Flahertie Wills Wilde (* 16.10.1854, † 30.11.1900)

Heute ist es also sage und schreibe 111 Jahre her seit Oscar Wilde, einer meiner liebsten Schriftsteller, einsam in Paris seine letzten Atemzüge machte. Selbst in seinen letzten Worten lag noch viel von seinem geistvollem Witz, den viele so sehr an seinen Werken schätzen: „Either that wallpaper goes, or I do“, sagte er angesichts der hässlichen Tapete in seinem Sterbezimmer. Das Hotel, in dem er seine letzten Monate verbrachte, war wahrlich eine Absteige und längst nicht mehr so glanzvoll wie Oscar Wilde es wohl von seinem Londoner Dandyleben gewohnt war. Zwar ließ der Hotelbesitzer den völlig abgehalfterten und mittellosen Oscar Wilde in seinem besten Zimmer übernachten, die Glanzjahre eines der bedeutenden Dandys des 19. Jahrhunderts lagen aber zu diesem Zeitpunkt schon weit hinter ihm. Das Leben in den exquisiten Londoner Clubs und Salons hatte er schon Jahre vorher aufgeben müssen – zu sehr hatte er die Grenzen der prüden viktorianischen Gesellschaft überschritten.

Oscar Wilde: Aufregendes Dandyleben und erste literarische Erfolge

Dabei hatte seine Karriere so gut angefangen. Als junger Mann studierte er zunächst in seiner Heimat Irland am Trinity College in Dublin. Aufgrund eines Stipendiums verschlug es ihn schließlich nach Oxford, wo er faszinierenden Persönlichkeiten wie John Ruskin und Walter Pater begegnete, die ihn in seinem späteren Schaffen maßgeblich beeinflussen sollten. Vor allem Paters Auffassungen und sein von ihm stark vertretener Ästhetizismus mit dem Leitspruch „Art for art’s sake“ bzw. „L’art pour l’art“ hatten einen starken Eindruck auf den jungen Oscar. Kunst, so Pater, existiere um ihrer selbst willen, um bei dem Leser oder Zuschauer Genuss hervorzubringen, und eben nicht, um zu lehren oder gar moralische Grundsätze zu vertreten. Eine völlig neue Auffassung, mit der viele europäische Schriftsteller der sogenannten Décadence in der damaligen Gesellschaft aneckten.

Nach seinem Studium siedelte Oscar Wilde nach London über und stürzte sich voll und ganz in das bunte Treiben der angesehenen Clubs und Salons. Schon schnell fiel er durch sein extravagantes Äußeres (feine Anzüge, Blume im Knopfloch…), seinen kostspieligen Lebensstil und seinen enormen Sprachwitz auf – er wurde gar zum Dandy par excellence! Auch seine literarischen Werke sorgten für Aufsehen: zunächst veröffentlichte er seine berühmte Märchensammlung The Happy Prince and Other Stories. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere schrieb er vor allem Gesellschaftskomödien (The Importance of Being Earnest, Lady Windermere’s Fan, An Ideal Husband…), in denen er zwar spöttisch über die Oberschicht herzog, die aber dennoch großen Erfolg beim Publikum hatten. Oscar Wilde selbst kokettierte immer wieder damit, dass ihm seine eigenen literarischen Werke gar nicht so wichtig seien. Ein wahrer Dandy wie er wollte lieber sein eigenes Leben zu einem Kunstwerk ausgestalten statt künstlerisch tätig zu sein (daher auch sein berühmter Ausspruch: “I put all my genius into my life; I put only my talent into my works.“). Ja – Oscar Wilde war nicht unbedingt für seine Bescheidenheit bekannt!

Einziger Roman: The Picture of Dorian Gray

1890 veröffentlichte er schließlich auch einen Roman, DEN Roman, denn es blieb leider nur bei einem – The Picture of Dorian Gray. Dieser sorgte für einen wahrlichen Skandal! Denn im Roman wird nicht nur die moralische Degeneration des Protagonisten Dorian Gray thematisiert, vielmehr befinden sich in ihm zahlreiche homoerotische Anspielungen. So wird etwa die Beziehung zwischen einem Künstler und seinem Modell beschrieben, die keineswegs nur platonische Züge trägt. Für die viktorianische Gesellschaft ein Ding der Unmöglichkeit. Homosexualität war in den höheren Kreisen zwar durchaus üblich, es wurde aber nie gewagt, diese zu thematisieren, schon gar nicht in der Literatur! Kein Wunder also, dass Oscar Wilde mit seinem Roman einen ziemlich wunden Punkt traf. In der Presse wurde sein Werk als pervertiert und abnormal abgewertet, viele sahen im Werk Oscar Wildes eigene homosexuelle Neigung durchschimmern. Dies veranlasste ihn schließlich ein Jahr später seinen Roman in einer zweiten, deutlich abgeschwächten Fassung erneut zu publizieren. Das, was eine Romanfigur äußert, war plötzlich für ihn selbst wahr geworden: „I have put too much of myself into it.“

Oscar Wilde: Skandale und Isolation

Doch für seinen eigentlichen Abstieg war dann schließlich ein besonderes Vorkommnis verantwortlich: von dem Vater seines Liebhabers Lord Alfred Douglas wurde er öffentlich als Homosexueller diffamiert. Homosexualität war damals noch strafbar, demnach wollte Oscar Wilde sich dies nicht gefallen lassen und klagte den Marquess von Queensberry kurzerhand wegen Verleumdung vor Gericht an. Doch plötzlich wendete sich das Blatt. Immer mehr Zeugen sagten gegen Oscar Wilde aus. Bisher unbekannte Affären mit Homosexuellen aus der Unterschicht wurden öffentlich. Schließlich stand sogar sein Roman zur Diskussion. Der Staatsanwalt verlas Textstellen, die Wildes Homosexualität beweisen sollten und befragte ihn dazu. Alfred Douglas wollte nicht gegen seinen eigenen Vater aussagen, somit sah es ziemlich schlecht für Oscar Wilde aus. Seine Anklage war gescheitert. In einem weiteren Prozess gegen ihn wurde er schließlich wegen Unzucht zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt – Jahre, die ihn seine Kräfte kosteten. Er schrieb seine berühmten Werke Ballad of Reading Gaol und De Profundis, in denen man auch heute noch die tiefe Verbitterung einer gescheiterten Schriftstellerexistenz spürt.

Exil und Tod: Die letzten Jahre von Oscar Wilde

Nach seiner abgesessenen Strafe ging er ins Pariser Exil. Zeitzeugen sprachen oft davon, dass ihn der Verstoß aus der Gesellschaft und die folgende Haftstrafe mit harter Arbeit sowohl geistig als auch körperlich arg gezeichnet hatten. Immer daran gewöhnt mit vielen Gönnern in Kontakt zu stehen, die ihm seine vielen Extravaganzen finanzierten, musste er plötzlich in miesen Absteigen übernachten – sah aber dennoch nicht ein, seinen kostspieligen Lebensstil aufzugeben und verschuldete sich somit immer mehr – bis zu seinem Tod am 30. November 1900. Er hatte gerade noch einen Monat zuvor seinen 46. Geburtstag erlebt.

Damit also, lieber Oscar, ruhe in Frieden! Bedauerlich, dass dich viele deiner Zeitgenossen nur nach deinem Privatleben und nicht nach deinem großartigen sprachlichen Witz beurteilt haben. Deine literarischen Werke, deine geistreichen Bonmots und Lebensweisheiten sind zum Glück unsterblich!

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Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
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Ich lege Euch dennoch heute Michel Houellebecqs  vieldiskutiertes Werk #Unterwerfung ans Herz. Mit der Schilderung von instabilen politischen Systemen, Themen wie Islamhass & Populismus und einem einsamen Helden auf der Suche nach Sinn passt dieser visionäre Roman erschreckend gut in unsere heutige Zeit. Tiefgründig & vielschichtig. Mich hat der Roman noch lange nachdenklich gestimmt.
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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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