Film Literatur

Anna Karenina (2012)

Anna Karenina

Nun ist es ja wahrlich nichts Innovatives Tolstois berühmten Ehebruchroman „Anna Karenina“ zu verfilmen. Bei Joe Wrights Adaption für die große Kinoleinwand handelt es sich bereits mindestens um die zwölfte Verfilmung, zählt man die unzähligen kleinen TV-Filme nicht dazu! Und doch präsentiert Wright, der schon durch Romanadaptionen wie „Stolz und Vorurteil“ und „Abbitte“ positiv in der Filmwelt aufgefallen ist, mit seiner „Anna Karenina“ einen neuen Ansatz. Er lässt das dramatische Geschehen auf einer Theaterbühne stattfinden. Was zunächst sehr ungewohnt ist und zugegebenermaßen irritiert, stellt sich bald als hervorragende Idee heraus. Szenen gehen fließend ineinander über. Sah man in einem Moment noch die bürokratische Umgebung Stiwas, Annas Bruder, mit unzähligen Sekretären, die im Gleichtakt Formulare abstempeln, sehen wir denselben im nächsten Augenblick mit einem alten Kumpanen in einem Edel-Restaurant speisen. Während des Szenenwechsels laufen Musikanten durchs Bild, wir sehen, wie sich Komparsen ihrer alten Kleidung entledigen und im wahrsten Sinne des Wortes in eine neue Rolle schlüpfen. Joe Wright hat eine ausgesprochen große Liebe zum Detail – dies wird einem spätestens nach dieser fulminanten Anfangssequenz klar!

Es dauert natürlich nicht lange und die Hauptfigur, die wunderschöne Anna Karenina, die mit dem zwar sehr gewissenhaften, ehrlichen, aber einfach unglaublich langweiligen Alexej Karenin verheiratet ist, betritt die Bühne. Keira Knightley begeistert vom ersten Auftreten an durch ihre einmalige Ausstrahlung. Ihre Augen leuchten, es wundert einen nicht im Geringsten, dass sich Wronskij (Aaron Taylor-Johnson) von dieser Frau angezogen fühlt. Die ersten Begegnungen verlaufen zaghaft, zu sehen ist nur ein Spiel mit Blicken, das mehr verrät als Worte es jemals könnten. Anna versucht sich noch zu retten, indem sie sich kurz nach der Begegnung mit Wronskij gleich in einen der nächsten Züge nach St. Petersburg setzt – doch Wronskij fährt ihr nach – spätestens jetzt wird klar: Diese Liebe ist ausweglos, schicksalshaft. Oder wie Wronskij es mit gewählten Worten formuliert: „Für uns gibt es keine Ruhe. Für uns gibt es nur Leid und höchstes Glück.“

Auch dieses Glück weiß Wright mit eindrucksvollen, perfekt durchkomponierten Bildern darzustellen. Selbst sehr abgedroschene Szenen, die in jedem x-beliebigen Liebesfilm zwangsläufig auftauchen  – so z.B. das gemeinsame Aufwachen nach der Liebesnacht – werden auf sehr kreative und neuartige Weise präsentiert. So zeigt die Kamera von oben, wie Anna und Wronskij nahezu ineinander verknotet, in weiße Bettlaken drapiert, nebeneinander liegen. Es ist ein Bild der Vertrautheit und Geborgenheit, das einem noch eine Weile vor dem inneren Auge herumspukt und im Laufe des Films nicht mehr aus dem Kopf geht.

Karenin (Jude Law), der im Roman als kaltherzig und berechnend darstellt wird, wirkt gar nicht mal so unsympathisch. Großzügig gewährt er Anna seinen guten Namen für ihre uneheliche Tochter, die aus der Liaison mit Wronskij hervorgegangen ist. Er wird als leidender, verletzlicher Ehemann gezeigt, der seine Ehre verteidigen muss, und somit handeln muss, wie er handelt. Sein Verhalten ist verständlich. Dies macht die Verwicklungen jedoch nicht weniger tragisch. Anna ist es, die seine Angebote die Affäre ohne große Skandale zu beenden, ausschlägt – und damit ihr eigenes Verderben besiegelt!

Zuschauer, die den Roman gelesen haben, werden natürlich sofort merken, dass Wright sehr viel aus der Romanhandlung ausgespart hat. Dies ist aber verständlich und wohl auch nicht anders zu machen bei einem Werk, das über 1000 Buchseiten fasst. Die vielen Nebenstränge, so etwa die Beziehung zwischen Annas Bruder Stiwa und seiner Frau Dolly oder die Sinnsuche des Melancholikers Ljewin, werden nur angeschnitten und zugunsten der Dreiecksgeschichte zwischen Anna, ihrem Mann und Wronskij vernachlässigt. Die Nebenhandlungen machen Tolstois Roman auf jeden Fall reicher, es ist aber auch nicht weiter tragisch, dass sie in Wrights Adaption fehlen. Vielleicht ist dies ja mal ein Anreiz, zum Buch zu greifen. Im Großen und Ganzen bietet „Anna Karenina“ somit eine ungewöhnliche Darstellung der Ehebruchsgeschichte von Leo Tolstoi und entfacht durch seinen wahren Bilderrausch eine starke Sogwirkung. Monumental, dramatisch, guter Ausstattungsfilm. Gut gemacht, Joe Wright!

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    2 KOMMENTARE

  • […] zu spät ist Wie ich den Film fand und ob es sich um eine gelungene Literaturadaption handelt, lest ihr jetzt im Farbfilmblog. Viel Spaß! Share this:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies […]

  • […] Tarantino Retrospektive – Von wilden Hunden bis zu skalpierenden Nazijägern Farbfilmblog: Anna Karenina Fünf Filmfreunde: Oscar-Nominierungen 2013 Filme-Blog: Drachenläufer (2008) kino blog: Parker: […]

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  • Was für ein inspirierender #Instawalk vorhin im Deutschen Historischen Museum. Hier ist jetzt eine Ausstellung zur Russischen Revolution 1917 angelaufen. Ein paar ausgewählte Blogger/Instagrammer/ Twitterer ..whatever..durften heute an einer exklusiven Kuratorenführung teilnehmen. Danke für die Einladung, @dhmberlin, hat Spaß gemacht! :) .
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  • Sonntags ins Museum, kann man doch auch mal wieder machen. Vor allem, wenn es sich um so ein Schönes handelt. Und #Picasso geht eigentlich auch immer.
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  • #buchpassion Challenge, heute mal kurz und knackig. Mein Lieblingsautor? Truman Capote selbstverständlich! ;)
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  • Schon Tag 4 bei #buchpassion von @kaprizioesblog.
Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
Mit "Jeder soll"-Formulierungen bin ich sonst eher vorsichtig. Die Geschmäcker sind einfach zu verschieden.
Ich lege Euch dennoch heute Michel Houellebecqs  vieldiskutiertes Werk #Unterwerfung ans Herz. Mit der Schilderung von instabilen politischen Systemen, Themen wie Islamhass & Populismus und einem einsamen Helden auf der Suche nach Sinn passt dieser visionäre Roman erschreckend gut in unsere heutige Zeit. Tiefgründig & vielschichtig. Mich hat der Roman noch lange nachdenklich gestimmt.
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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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