Film

Cheyenne – This Must Be the Place (2011)

Roter Lippenstift, toupierte dunkle Haare, tiefe Ringe unter den schwarz geschminkten Augen: der Altrocker Cheyenne hat wahrlich seine besten Tage längst hinter sich gelassen. In seinem riesigen Anwesen in Dublin dümpelt er Tag für Tag vor sich hin, kann sich höchstens mal aufraffen, das Haus für einen kurzen Bummel durch das örtliche Shoppingcenter zu verlassen. Lediglich seine patente Ehefrau Jane und seine gute Freundin Mary schaffen es noch halbwegs ihn bei Laune zu halten.

Dies wird anders, als sein Vater im fernen New York ernstlich erkrankt und er endlich beschließt, den weiten Weg zu ihm auf sich zu nehmen. Kein leichter Schritt, denn er hat mit seinem Vater schon seit über 30 Jahren nicht mehr gesprochen. Angekommen ist es bereits zu spät: sein Vater ist verstorben, hat nur ein Tagebuch zurückgelassen – die erhoffte Aussprache findet nicht statt. Stattdessen erfährt Cheyenne von seinen Verwandten, dass sein Vater (früherer Auschwitzinsasse) Zeit seines Lebens seine ganze Energie darauf verwendet hat, seinen Peiniger, den Nazi Alois Lange, zu finden – ohne Erfolg. Cheyenne macht sich nun auf die Suche, querfeldeinein durch Amerika, um seinem Vater diesen letzten Willen zu erfüllen.

Zunächst einmal: Sean Penn ist grandios in der Rolle des verbitterten und furchtbar lethargischen Gothic-Rocker, der übrigens äußerlich sehr starke Ähnlichkeit mit The Cure-Frontmann Robert Smith aufweist. Allein schon die Art und Weise, wie er spricht! Sowohl im Originalton, als auch in der deutschen Synchronisation einfach nur herrlich komisch. Doch „Cheyenne“ lässt sich keineswegs auf eine kurzweilige Komödie reduzieren, spricht gar äußerst tiefgründige Fragen des Lebens an: Bin ich glücklich mit dem, was ich in meinem Leben erreicht habe? Was würde ich anders machen, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte? In der Titelfigur sind all diese Selbstzweifel und tiefgreifenden Fragen tief verankert. Die Suche nach dem Peiniger seines Vaters stellt für ihn gleichzeitig ein Weg zur Selbstfindung dar.

Die Reise durch die Staaten wird hierbei mit viel Liebe zum Detail und durch zahlreiche amüsante, aber auch nachdenklich stimmende Episoden geschildert. Es macht viel Freude, dem orientierungslosen Altrocker, der einem gerade durch seine Schwäche so sympathisch und menschlich erscheint, bei der Suche nach Alois Lange und vor allem nach sich selbst zuzusehen. Von Regisseur Paolo Sorrentino werden im Laufe des Films teilweise gezielt erst nach und nach Informationen über seine Hauptfigur nachgereicht und bewusst Raum für eigene Interpretationen gelassen – daher ist „Cheyenne – This Must Be the Place“ auf jeden Fall ein Film, über den man noch ein paar Tage danach sinnieren kann. Sehr sehenswertes Road-(Selbstfindungs-)Movie!

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    4 KOMMENTARE

  • […] mit frischen Ideen und natürlich brandneuen Artikeln wieder auf Vordermann zu bringen. Eine erste Rezension über den Film „Cheyenne – This Must Be the Place“ ist bereits online. Ich würde mich freuen, wenn ihr vorbeischauen […]

  • julle 16. November 2011 Reply

    (slightly off topic) Euer RSS-Feed geht nicht.

  • FrauFlinkwert 16. November 2011 Reply

    Direkt nach dem Kinobesuch war ich noch unschlüssig, was ich von dem Film halten soll. Irgendwie war das auch alles ein bisschen viel auf einmal, und ich glaube, jemand anders als Sean Penn hätte in der Titelrolle die Fäden nicht so zusammenhalten können. Was mir auch in menschlicher Hinsicht sehr gut gefallen hat, ist diese Vorurteilsfreiheit, mit der einerseits Cheyenne den Menschen begegnet ist und sie auch ihm. Selbst als er die Angehörigen von Alois Lange trifft, entwickelt er ehrliches Interesse an ihrem Leben, dabei wäre es so einfach, die komplette Familie als Feind zu betrachten.

  • […] Charmante Indie-Tragikomödie. Sean Penn ist in seiner Rolle eines abgebrannten alternden Rockstars einfach perfekt. Deshalb nochmal, weil’s so schön war: „Irgendwas stimmt hier nicht. Ich weiß nicht was. Aber irgendwas ist.“ Meine Rezension […]

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  • Hach, St. Petersburg.. Ich vermisse es jetzt schon. 9 Tage waren nicht zu lang, auch wenn mich viele in meinem Umfeld ungläubig fragten, ob ich noch woanders hinfahre. Nein, ich hätte es selbst nicht gedacht, 9 Tage waren fast zu kurz, um diese vielfältige Stadt voller Kultur zu entdecken. So viele Stadtquartiere, Inseln zum Flanieren, coole moderne Cafés, freundliche Menschen. Hier hätte ich sogar gut und gerne noch mehr Zeit verbringen können. Ich komme wieder, vielleicht dann auch mal nach Moskau.
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