Literatur Rezensionen

Richard Ford – Kanada

Richard Ford - KanadaDie kleine Provinzstadt Great Falls, 1960: Der 15-jährige Dell und seine Zwillingsschwester Berner führen ein recht geregeltes Leben, auch wenn sie durch die zahlreichen Umzüge ihrer Eltern große Schwierigkeiten haben, sich einzuleben und Freunde zu finden. Ihre Eltern haben zwar schon längst erkannt, dass sie nicht zusammenpassen, wagen jedoch dennoch nicht den Schritt, getrennte Wege zu gehen. Das Leben der Familie ändert sich von einem Tag auf den anderen, als sich der Vater in kriminelle Geschäfte verstrickt, seinen Partnern plötzlich eine hohe Geldsumme schuldet und gemeinsam mit seiner Frau einen bewaffneten Raubüberfall begeht… Richard Fords Roman “Kanada” erzählt von einem Verbrechen, das für jeden aus der Familie signifikante Folgen hat. Dells und Berners Eltern werden von der Polizei verhaftet, landen im Gefängnis – zurück bleiben die beiden Kinder, völlig auf sich allein gestellt. Die rebellische Berner reißt aus und macht sich auf Richtung Kalifornien. Dell hingegen wird von einer Freundin seiner Mutter nach Kanada gebracht, wo er bei dem wohlerzogenen, aber durchtriebenen Arthur Remlinger inmitten endloser Prärielandschaften und heruntergekommener Orte lebt und arbeitet. Der Roman teilt sich in drei Teile: im ersten erzählt Dell aus seiner Sicht, wie sich der sehr dilettantische Bankraub seiner Eltern zugetragen hat, im zweiten seine Erfahrungen in Kanada und zuletzt blickt er im dritten Teil als alter Mann auf sein Leben zurück und zieht Bilanz.

Über die Jahre habe ich mir angewöhnt anzuerkennen, dass jede Situation, die mit Menschen zu tun hat, auf den Kopf gestellt werden kann. […] Jede Glaubenssäule, auf der die Welt ruht, kann jeden Moment explodieren oder auch nicht. Die meisten Dinge bleiben nicht sehr lange, wie sie waren. Dieses Wissen hat mich allerdings nicht zynisch gemacht. Zynismus hieße, das Gute ist nicht mehr möglich; und ich weiß mit Sicherheit, dass es das ist. Ich versuche einfach, nichts als gegeben zu nehmen und für die nächste Veränderung bereit zu sein, die garantiert bald kommt.

Richards Fords “Kanada” – atmoshärisch und gut beobachtet

Gerade diese Reflexionen über schicksalshafte Erlebnisse, die jedes Leben grundlegend verändern, machen “Kanada” zu einem sehr packenden und gut beobachteten Roman. Völlig auf sich allein gestellt, orientierungslos und plötzlich jeden Halt verloren, muss sich Dell in Kanada zurechtfinden und sich – ob er will oder nicht – mit seiner neuen Existenz abfinden. Er steht allem, was mit ihm passiert, völlig machtlos gegenüber, denn auch sein neuer Vormund, der charismatische Arthur Remlinger zeigt nach und nach die dunkle Seite seiner Persönlichkeit. Seine recht wohlbehütete Kindheit ist mit der Verhaftung seiner Eltern von einem Tag auf den anderen vorbei – und auch selbst nach seiner Flucht nach Kanada scheint alles nur noch schlimmer zu werden.

Entsorgt ins Dunkel von Partreau, war ich ein anderer geworden: nicht mehr der ausgeglichene Junge, der womöglich unterwegs aufs College war und hinter dem eine Familie stand, eine Schwester. In den Augen der Welt war ich jetzt kleiner geworden, unbedeutend, vielleicht unsichtbar. Was mir das Gefühl gab, näher am Tod als am Leben zu stehen. So sollte sich kein fünfzehnjähriger Junge fühlen. An diesem Ort hatte mich das Glück verlassen.

Trotz der recht langsamen Erzählweise bleibt der Roman vor allem durch die gelungenen Beschreibungen von Figuren und eindrücklichen Orten spannend. So lassen einen Dells detailreiche Schilderungen seiner bescheidenen Lebensverhältnisse nicht kalt – zumal diese die Auswegslosigkeit seiner Situation erst so richtig deutlich machen.

Partreau, Kanada

Partreau, Kanada

Ob verfallene Wellblechhütten, baufällige Schuppen, ekelerregende Aborte oder die endlose menschenleere Prärie Kanadas – die beschriebenen Orte stehen geradezu symbolisch für die ausweglose Situation, in der der Protagonist steckt. Wie kann sich ein 15-jähriger fernab der Zivilisation, umringt von zwielichtigen Gestalten, die ihm nichts Gutes wollen, jemals wieder aus seiner misslichen Lage befreien und aus seinem Leben doch noch etwas machen? Richard Fords Roman zeigt genau diesen langen Weg dahin, sich mit seinem Schicksal so gut es geht zu arrangieren und doch nie aufzugeben – auch wenn sich das Böse im eigenen Leben bereits unwiderruflich breit gemacht hat.

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