Film

Die Apokalypse naht – Lars von Triers „Melancholia“

Braut im Seerosenteich - Kirsten Dunst in "Melancholia"

Und dann – Stille. Der Abspann beginnt zu laufen. Aber im fast voll besetzten Kinosaal bewegt sich niemand, keiner sagt etwas. Vielleicht ist das genau das, was den Eindruck, den Lars von Triers neuer Film „Melancholia“ auf einen macht, am besten beschreibt. Sprachlos, aufgewühlt – man kann noch nicht recht fassen, was man die letzten 130 Minuten gerade gesehen hat. Den nahenden Weltuntergang, eine depressive Hauptfigur, schwierige zwischenmenschliche Beziehungen – und das alles in unglaublich ästhetischen Bildern.

Der Plot von „Melancholia“ ist hingegen recht schnell erzählt: Justine (Kirsten Dunst) feiert auf dem Landgut ihrer Schwester (Charlotte Gainsbourg) und deren wohlhabenden Ehemann (Kiefer Sutherland) ihre Hochzeit. Sie leidet jedoch schon länger an depressiven Verstimmungen, so auch an diesem Abend, der doch eigentlich der Glücklichste in ihrem Leben sein sollte. Immer wieder entfernt sie sich vom strengen Zeremoniell des Hochzeitsfestes, schließt sich gar in ihrem Zimmer ein oder zieht einsame Runden auf dem hauseigenen Golfplatz. „Du hast mir doch etwas versprochen“, mahnt sie ihre Schwester Claire im Laufe des Abends – und man ahnt, was dieses Versprechen beinhaltet: einen Abend lang glücklich sein und sich eben nicht in einer depressiven Verstimmung zu verlieren.

Überhaupt ist Claire der Gegenpol zu ihrer Schwester. Sie ist die, die immer alles gut und richtig machen will. Sie ist diejenige, die ihrer Schwester zuliebe das pompöse Hochzeitsfest ausrichtet. Doch ist sie letztendlich die Schwester von beiden, die ihren ganzen Optimismus verlieren und als die Schwächere von beiden dastehen wird. Denn was im Prolog des Films schon eindrücklich gezeigt wird, wird im „Claire“-Teil des Films Wirklichkeit: der Weltuntergang. Ein mysteriöser Planet namens Melancholia trifft die Erde und zerstört sie. Die Bedrohung deutet sich zwar schon während des ganzen Films an, Justine scheint sie vom ersten Augenblick ihrer Feier zu ahnen, dennoch kommt sie erst im letzten Drittel des Films zum Ausbruch. Die anfangs schwächliche Figur der Justine wird plötzlich zu einer starken Figur. Sie ist plötzlich diejenige, die dem Ende der Welt entspannt entgegen schauen kann, während ihre Schwester Claire hilflos, mit den Nerven am Ende und unfähig ist, den kommenden Untergang zu akzeptieren.

Dennoch werden in Schwester-Verhältnis einige Fragen offen gelassen: Warum zum Beispiel bemüht sich Claire so stark um ihre Schwester, richtet ein teures Fest für sie aus, wo sie doch bestimmt ahnt, wie schlecht es gesundheitlich um Justine steht? Ist das ihr unzerstörbarer Optimismus, der sie immer wieder dazu bewegt, sich so stark um sie zu bemühen? Wo nimmt sie diese Kraft her, so zu handeln wie sie es tut?

Die beiden Schwestern - Justine und Claire

In erster Linie punktet „Melancholia“ vor allem durch die Schilderung zwischenmenschlicher Beziehungen. Allein schon während der Hochzeitsfeier treten verborgen geglaubte Konflikte innerhalb der Familie zutage, so etwa das problematische Verhältnis zwischen Claires und Justine vermutlich geschiedenen Eltern. Selbst berufliche Querelen, so ist Justines Chef auch anwesend, werden während der Feierlichkeiten ausgetragen. Das eigentliche Thema, die Bedrohung der Menschheit durch einen anderen Planeten, steht somit zunächst stark im Hintergrund. Erst werden die Probleme der Menschheit geschildert, dann ihre Zerstörung.

Vielleicht ist es genau das, was einen selbst als Zuschauer, den Untergang als gar nicht so fatal erleben lässt. Dieser deutet sich zwar unterschwellig im Laufe des gesamten Films an, als er dann aber tatsächlich eintritt, gepaart mit ästhetischer Bildsprache wie vom Himmel fallenden Vögeln wird er längst nicht mehr als so bedrohlich, sondern vielmehr als befreiend angesehen. Lars von Trier macht es einem auf jeden Fall nicht leicht: Auf der einen Seite hat man gerade bewundern können, wie die Welt zerstört wird, auf der anderen Seite war es irgendwie auch wunderschön dies mit anzusehen. Justine spricht an einer Stelle des Films dieses Gedanken sogar aus: „Die Erde ist schlecht. Keiner wird sie vermissen.“ Vielleicht ist es genau diese pessimistische Weltsicht, die von Trier mit seinem Film propagieren möchte.

Ein endgültiges Urteil zu fällen bleibt hingegen schwierig. Mir geht es immer noch wie der Mehrzahl der Besucher im Kino gestern. Ein großes Fragezeichen verbleibt: Wie soll ich das bewerten, was ich gesehen habe? „Melancholia“ scheint auf jeden Fall ein Film zu sein, den man mit seiner Bildgewaltigkeit noch ein paar Tage auf sich wirken lassen muss…

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    4 KOMMENTARE

  • lemniskatie 11. Oktober 2011 Reply

    Ja, genau das ist der Pluspunkt der Filme, die uns „kriegen“…wir tragen sie noch tagelang mit uns rum…das ist Kino für mich. Wagners Mucke und die Verbindung von Tristan und Isolde haste noch vergessen. Ansonsten eine tolle Rezension!!

    • sommerdiebe 11. Oktober 2011 Reply

      Freut mich, dass sie dir gefällt 🙂
      Das mit Wagner ist mir im Nachhinein auch noch aufgefallen..hab ich ja gar nicht erwähnt. Naja…Haben sich ja schon genug Rezensenten vor mir drüber ausgelassen. 😉

  • Lucie 11. Oktober 2011 Reply

    Danke für deinen lieben Kommentar! 🙂 Deine Rezension ist ja um einiges ausführlicher als meine…Das ungelöste Schwestern-Verhältnis fand ich jedenfalls auch sehr interessant. Ich habe die Motivation von Claire so verstanden, als hätte sie erwartet, dass ein solch tolles und pompöses Fest Justine bestimmt von ihren negativen Gedanken ablenken würde- und scheinbar hatte sie ihr das Ganze ja vorher auch vorgeschlagen („Du hattest mir doch versprochen, dass du heute nacht kein Theater machen würdest!“). Justine dachte offenbar ja auch selbst, dass sie das schaffen würde…klarer Trugschluss, ne! Und außerdem ist ein schönes Hochzeitsfest ja auch irgendwie ein Ereignis, das in gewissen Kreisen (z.B. in denen von Claires Ehemann) in gewisser Weise vom Brautpaar erwartet wird.
    Was solls, auf jeden Fall ist es ein toller Film! Und die Musik dazu…perfekt, halt^^

  • […] War sicher der bildgewaltigste Kinofilm, den ich mir in diesem Jahr zu Gemüte geführt habe. Beeindruckend jedoch nicht nur durch die Bilder, sondern auch die schauspielerischen Leistungen! Sehr sehenswert (aber auch ein klein wenig deprimierend ) Rezension im Sommerdiebe-Blog […]

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  • Schon Tag 4 bei #buchpassion von @kaprizioesblog.
Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
Mit "Jeder soll"-Formulierungen bin ich sonst eher vorsichtig. Die Geschmäcker sind einfach zu verschieden.
Ich lege Euch dennoch heute Michel Houellebecqs  vieldiskutiertes Werk #Unterwerfung ans Herz. Mit der Schilderung von instabilen politischen Systemen, Themen wie Islamhass & Populismus und einem einsamen Helden auf der Suche nach Sinn passt dieser visionäre Roman erschreckend gut in unsere heutige Zeit. Tiefgründig & vielschichtig. Mich hat der Roman noch lange nachdenklich gestimmt.
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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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