Film

Liebe (2012)

Liebe

Schon in der ersten Szene wird das Ende vorweg genommen. Feuerwehrleute brechen gewaltsam die Tür einer Pariser Altbauwohnung auf, stürmen herein und finden eine tote Frau. Sie liegt auf dem Bett, die Hände sind gefaltet, sie ist mit Blüten geschmückt. Michael Haneke, der sich durch meist überaus beklemmende Filme wie Funny Games, Caché und Das Weiße Band schon längst einen festen Platz in der Arthouse-Welt erkämpft hat, geht es in seinem neuen Drama mit dem sprechenden Namen Liebe vor allem um eine zentrale Frage: Wie weit würde man selbst aus Liebe zu einem Menschen gehen?

Georges, Ehemann der berühmten Klaviervirtuosin Anne, steht genau vor dieser Frage, als diese einen Schlaganfall erleidet und ihr gemeinsames harmonisches Eheleben von einen  Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Während anfangs Annes Zustand noch erträglich erscheint, beginnt sich ihre Gesundheit nach einer missglückten Operation immer weiter zu verschlechtern. Georges pflegt sie voller Sorgfalt, füttert sie, erzählt ihr Geschichten aus seiner Kindheit. Diese nahezu herzzerreißende Harmonie kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Annes Leben immer mehr zu einem bloßen Dahinvegetieren verkommt. Schon bald ist sie nicht mehr fähig, zu sprechen. Mit geradezu verzweifelter Energie fängt sie im Gespräch mit ihrer Tochter Eva (Isabelle Huppert) immer wieder einen Satz an, Eva spricht ihr nach, versucht zu ergänzen, bis Anne nach zahlreichen vergeblichen Versuchen aufgibt. Und schweigt. Gefangen im eigenen Körper. Ist ein solches Leben noch würdevoll? Was macht ein würdevolles Leben aus und wann ist es nur noch ein Existieren?

Während des gesamten Films verlässt die Kamera, abgesehen von einigen wenigen Szenen am Anfang in einem Konzertsaal, kein einziges Mal die private Lebenssphäre der Protagonisten. Als Zuschauer taucht man tief in die Alltagswelt von Georges und Anne ein, was dem Film sicherlich gerade deshalb zu einer ausgesprochen großen Intimität und Gefühlsintensität verhilft. Der Verfall vom Anne findet nur in dieser von Haneke sehr sorgfältig gestalteten Privatsphäre statt. Ärzte, Krankenhäuser, Verwandte oder sonstige Außenstehende spielen in dieser Umgebung keine Rolle. Selbst die gemeinsame Tochter Eva ist hier nur am Rande wichtig. Ganz klar im Fokus steht die Beziehung zwischen Anne und Georges. Die beiden Hauptdarsteller Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, wie die von ihnen verkörperten Figuren selbst jenseits der 80 Jahre, spielen ihre Rollen sehr überzeugend und lebensnah. Mit nur kleinen Gesten sieht man die Vertrautheit zwischen ihnen, die ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben – und es auch würdevoll bis zum bitteren Ende gemeinsam verbringen wollen.

Als Zuschauer jagt es einen immer wieder einen Schauer über den Rücken, zu sehen, wie die doch eigentlich anfangs lebenslustige und agil wirkende Anne immer weiter die Kontrolle über sich und ihren Körper verliert. Und der Mensch, der sie liebt, muss hilflos mit ansehen, wie sie sich immer weiter von sich selbst entfernt. Ist es da nicht doch ein natürlicher und sehr verständlicher Schritt, dem Leiden ein Ende zu bereiten? Michael Haneke findet in seinem Film keine abschließende Antwort auf diese Frage. Es ist wohl auch eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. „Liebe“ lässt einen mit diesem ganzen Fragenkomplex nahezu ratlos im Kinosessel zurück. Während der Abspann läuft, herrscht nachdenkliche Stille im Kino. Bei Hanekes Liebe handelt es sich ohne Frage um ein starkes und durch seine Authentizität überaus beeindruckendes Drama, das noch lange nachwirkt. Mindestens so lange, bis man seine eigene ganz persönliche Antwort auf die zentrale Frage dieses leisen und berührenden Films gefunden hat.

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