Film

Zum 30. Todestag: Rainer Werner Fassbinder

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„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Dieser berühmte Satz stammt von niemand anderem als einem der einflussreichsten Regisseure des sog. Neuen Deutschen Films: Rainer Werner Fassbinder. Angesichts seines filmischen Werks, welches über 29 Spielfilme und zwölf Fernsehproduktionen umfasst (u.a. auch TV-Serien wie Welt am Draht), ist das mit dem akuten Schlafmangel eigentlich aber auch nicht weiter verwunderlich. Denn andere Filmemacher hätten es wohl kaum geschafft, so viele Filme in einem Zeitraum von nicht mal 20 Jahren zu drehen. Dazu kommt noch, dass man den Werken eine unglaublich Sorgfalt und Raffinesse anmerkt, die man so nur bei wenigen (deutschen) Regisseuren findet. Angefangen beim Setting, bei den beeindruckenden und durchkomponierten Bildern und natürlich auch bei den vielseitigen Thematiken seiner Filme spürt man Rainer Werner Fassbinders Leidenschaft, die seine Werke durchzieht. Keine Frage, hier war ein Filmemacher am Werk, der für und durch seine Filme lebte!

Rainer Werner Fassbinder war jedoch in erster Linie auch für seinen Hang zur Provokation bekannt. Gezielt griff er in seinen Filmen immer wieder Tabuthemen wie unterdrückte Homosexualität, häusliche Gewalt und psychische Erkrankungen auf. Auch bezog er häufig kritisch Stellung zur politischen Lage der Bundesrepublik Deutschland seit 1945. Er wagte es unbequeme Wahrheiten auszusprechen, z.B dass nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch viele wichtige Ämter von Nazis besetzt waren – Wahrheiten also, mit denen er immer wieder aneckte. In seinem Film Die Ehe der Maria Braun wagte er es sogar die Porträts der Bundeskanzler Adenauer, Erhard, Kiesinger und Schmidt in Verbindung mit einem Bild Hitlers zu setzen. Der Filmbeginn, in dem Hitler zu sehen ist, und das Ende, das mit den Bundeskanzler-Porträts abschließt, wird bis heute nicht nur von Filmwissenschaftlern immer wieder aufs Neue interpretiert und in Frage gestellt.


Trügerische Idylle: Emma und Ali in „Angst essen Seele auf“

Im Mittelpunkt seiner Filme stehen oft absolute Durchschnittsbürger ebenso wie Außenseiter wie etwa Asylbewerber und Gastarbeiter (z.B Katzelmacher, Angst essen Seele auf), die versuchen, sich in die Gesellschaft einzugliedern, häufig letztendlich jedoch an ihr zugrunde gehen. Der marrokkanische Gastarbeiter Ali in Angst essen Seele auf geht etwa eine Beziehung zu der etwa 20 Jahre älteren verwitweten Putzfrau Emma ein. Schon bald ist das Paar den feindseligen Reaktionen und Diskriminierungen seiner Mitmenschen ausgesetzt.

Auch auf Frauenfiguren hatte Rainer Werner Fassbinder immer ein großes Augenmerk. In seiner sogenannten „BRD-Trilogie“, die in seinen späten Jahren entstand, stehen mit Maria Braun, Lola und Veronika Voss drei Frauen im Mittelpunkt, die ausgelöst durch politische Veränderungen (Zweiter Weltkrieg, Ende des Nazi-Regimes, Wirtschaftswunder-Jahre) auch ihr eigenes Leben neu sortieren, sich nicht zuletzt, um glücklich zu werden, mit Widrigkeiten arrangieren müssen.

Fassbinders große Liebe zur Literatur zeigte sich durch zahlreiche Adaptionen wie etwa Fontane Effi Briest, Despair (nach Vladimir Nabokov) und nicht zuletzt durch sein Mammutprojekt, der 14-teiligen Fernsehverfilmung Berlin Alexanderplatz. Franz Biberkopf, der Protagonist des gleichnamigen Romans von Alfred Döblin, versucht hier nach einem Gefängnisaufenthalt wieder ein ehrliches Leben zu führen. Mit einer erstaunlich guten Beobachtungsgabe und mit einer gehörigen Portion Sympathie für seine Hauptfigur schildert Fassbinder das Schicksal Franz Biberkopfs, der es – wie sollte es anders sein? – natürlich nicht schafft, wieder ein normales bürgerliches Leben zu führen. Der Kameramann Xaver Schwarzenberger, mit dem Fassbinder im Laufe seiner Karriere mehrmals zusammenarbeitete, liefert dazu beklemmende, tiefdüstere und melancholische Bilder, die nicht nur perfekt zur Grundstimmung von Berlin Alexanderplatz passen, sondern einem unwiderruflich auch noch lange in Erinnerung bleiben.

Man stellt sich ernsthaft die Frage, wie viele Filme Rainer Werner Fassbinder wohl noch in seinem Leben gedreht hätte, ob er den (von ihm ersehnten) großen Sprung nach Hollywood wohl noch erreicht hätte. Doch es sollte anders kommen: Rainer Werner Fassbinder verstarb am 10. Juni 1982 im Alter von 37 Jahren an Herzversagen – ausgelöst vermutlich durch eine Mischvergiftung von Kokain, Schlaftabletten und Alkohol. Fassbinder war eben auch ein Mann des Exzesses. So bleiben dem interessierten Cineasten immerhin noch über 40 faszinierende Filme, die es auf jeden Fall zu entdecken gilt. Denn einen so überaus arbeitseifrigen und produktiven Filmemacher wird die Bundesrepublik Deutschland wohl so schnell leider nicht mehr zu Gesicht bekommen…

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