Literatur

Literatur in 300 Wörtern (3): Rainer Maria Rilke – Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Darf man Bücher rezensieren, die man gar nicht bis zum Ende durchgelesen hat? Wie dem auch sei, ich werde mich in meiner heutigen Rezension über dieses ungeschriebene Gesetz der Literaturkritik hinwegsetzen. Denn, da bin ich mal ehrlich, ich habe das heutige Buch zwar nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, habe aber bestimmt dennoch genug gelesen, um meine Meinung in 300 Worten kundzutun 😉 Heute also: Rainer Maria Rilkes „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“.

Inhalt in 3 Sätzen:

Malte Laurids Brigge, ein junger dänischer Adeliger, ist nach Paris gereist, um dort über vergangene Erlebnisse und Erfahrungen zu reflektieren. Tagsüber lässt er sich durch die hektische Metropole Paris treiben. Angesichts der Reizüberflutung in der Großstadt fühlt er sich aber schnell überfordert, sie wird zur Bedrohung seiner sowieso schon labilen seelischen Verfassung…

Lieblingszitat:

„Dass ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles.“

Lesenswert / nicht lesenswert? Schwer zu beantworten. Das habe ich nun davon, Literatur in solche Kategorien einordnen zu wollen! Es wäre falsch zu sagen, dass Rilkes einziges Prosawerk nicht durchaus eine lohnende Lektüre wäre. Gerade die Großstadtbeschreibungen und die Schilderungen eines nervlich angeschlagenen Menschen sind sehr eindrucksvoll und sprachlich hervorragend. Teilweise werden die subjektiven Eindrücke der Hauptfigur ohne jegliche Ordnung oder Chronologie vermittelt. Dies erinnert stark an den Bewusstseinsstrom eines James Joyce oder einer Virginia Woolf. Rilke entwickelt außergewöhnliche Bilder – man merkt sofort, dass er eigentlich Lyriker ist.

Gleichzeitig macht es einem Rilke mit seinem einzigen Prosawerk auch unglaublich schwer. Während zu Beginn noch Maltes Erfahrungen in Paris geschildert werden, schweift dieser ab der Mitte immer weiter in die Vergangenheit ab. Erzählt wird plötzlich in der dritten Person. Ich geb’s zu: Ich hab den Faden verloren und das Buch irgendwann frustriert beiseitegelegt. Frage: Was will der Dichter mir nur damit sagen? Ich weiß es nicht.

Dieses Buch ist interessant für Leser, die sich auf eine sehr anspruchsvolle Lektüre einlassen wollen und viel Zeit und Geduld mitbringen. Sprachlich beeindruckend, inhaltlich spätestens ab Mitte des Buches sehr kryptisch und fordernd. Dranbleiben lohnt sich bestimmt, ich hatte wohl einfach nicht genug Durchhaltevermögen. Vielleicht starte ich irgendwann nochmal einen zweiten Versuch…

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