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Literatur in 300 Wörtern (43): Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Inhalt in 3 Sätzen: Tokyo in der nahen Zukunft: Ein junger Mann, der als Kalkulator Daten verschlüsselt, gerät zwischen die Fronten zweier Organisationen, die sich einen unerbittlichen Krieg um geheime Daten liefern. Ohne ihr Wissen hat ein greiser genialer Professor für eine der Organisationen mit dem Unterbewusstsein verschiedener Kalkulatoren, darunter auch dem der Hauptfigur, experimentiert. Nach und nach findet der Erzähler heraus, dass sich seit diesen Versuchen in seinem Gehirn eine weitere Welt befindet, in die er gegen seinen Willen nun Schritt für Schritt hineingesogen wird.

Lieblingszitat: „Gerne hätte ich die Morgendämmerung gesehen, wie der Himmel langsam aufhellt. Und warme Milch getrunken, das morgendliche Grün gerochen und in der Zeitung geblättert. Von Dunkelheit und Egeln, von Löchern und Schwärzlingen hatte ich die Schnauze voll. Jedes Organ, jeder Muskel, jede Faser meines Körpers sehnte sich nach Licht. Schon der kleinste Strahl hätte mir genügt. Anständiges Licht wollte ich sehen, kein Taschenlampenlicht, einen kleinen, winzigen, elenden Strahl nur.“

Die Inhaltsangabe oben klingt sonderbar? Dann geht es Euch nicht anders als mir, als ich mit der Lektüre von Murakamis Fantasy-Roman Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt anfing. Ein geheimes unterirdisches Labor, das durch einen Wandschrank betreten werden kann? Dubiose Schwärzlinge, die das Reich der Unterwelt beherrschen und auf Frischfleisch lauern? Und wäre das nicht alles abwegig genug, offenbart sich auch noch eine skurrile seelenlose Fantasiewelt, die sich allein im Kopf des Protagonisten befindet. Diese und viele weitere verrückte Einfälle wirken gerade zu Beginn sehr verwirrend. Ich bin aber umso froher, dass ich dann aber doch nicht abschrecken ließ. Dranbleiben lohnt sich!

Murakami beweist wie in seinen anderen Romanen erneut sein großes Talent, eindrückliche Bilder zu kreieren, die einen nicht wieder so schnell los lassen. Dabei ist der Roman unglaublich vielschichtig und lässt sich nicht auf ein Genre festlegen. Zwar beginnt die Erzählung als Science-Fiction-Roman, steigert sich im Laufe der Handlung jedoch zur nervenaufreibenden Abenteuergeschichte a la Indiana Jones, schildert eine zarte Liebesgeschichte und enthält nicht zuletzt Bezüge zur Musik, Popkultur, Literatur und Philosophie.

Die zwei Handlungsstränge – einmal die Story im modernen Tokyo, dann die geheimnisvolle Fantasiewelt „Das Ende der Welt“ – scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben, weisen dann aber immer mehr Übereinstimmungen auf, die die Neugier des Lesers wecken. Was für ein Ende wird das noch nehmen? Spätestens ab Mitte des Romans habe ich mit der vom Schicksal gebeutelten Hauptfigur nur noch mitgefiebert und konnte mich von Murakamis erschaffenen bildgewaltigen Welten kaum noch losreißen. Gleichzeitig gibt es aber immer wieder auch ruhige nachdenkliche Momente, in denen der Protagonist über sein Leben, Beziehungen und das Gefühl der Leere nachdenkt. Gerade die im Unterbewussten existierende Fantasiewelt wird immer mehr zum Spiegel der Realität, durch den die Einsamkeit und Melancholie des Protagonisten zum Ausdruck kommt. Stilistisch ist Hard-boiled Wonderland weit entfernt von „realistischeren“ Werken wie Naokos Lächeln, Sputnik Sweetheart oder Gefährliche Geliebte – im Großen und Ganzen lassen sich jedoch auch in diesem recht skurrilen Roman einige typische Murakami-Elemente finden.

Dieses Buch ist für Leser, die sich auf eigenartige Fantasy-Welten einlassen können und zugleich eine aufregende als auch nachdenklich stimmende Erzählung lesen möchten.

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    2 KOMMENTARE

  • wortsonate 20. August 2017 Reply

    Ich mag Haruki Murakami, weil seine Bücher sehr tiefsinnig, und vieles ist auch von Kafka inspiriert.

    • Deborah 20. August 2017 Reply

      Danke für deinen Kommentar 🙂 Ja, an Kafka erinnert er mich auch oft. Ich glaube er sieht sich ja auch selbst als sein Nachfahre 😉 Hast du „Kafka am Strand“ gelesen? Das soll ja viele Bezüge enthalten.

      LG
      Deborah

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  • #buchpassion Challenge, heute mal kurz und knackig. Mein Lieblingsautor? Truman Capote selbstverständlich! ;)
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  • Schon Tag 4 bei #buchpassion von @kaprizioesblog.
Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
Mit "Jeder soll"-Formulierungen bin ich sonst eher vorsichtig. Die Geschmäcker sind einfach zu verschieden.
Ich lege Euch dennoch heute Michel Houellebecqs  vieldiskutiertes Werk #Unterwerfung ans Herz. Mit der Schilderung von instabilen politischen Systemen, Themen wie Islamhass & Populismus und einem einsamen Helden auf der Suche nach Sinn passt dieser visionäre Roman erschreckend gut in unsere heutige Zeit. Tiefgründig & vielschichtig. Mich hat der Roman noch lange nachdenklich gestimmt.
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  • Tag 3 der #buchpassion Challenge:
-> Mein Bücherregal
Ich oute mich mal gleich als Ästhetin: Ja, ich sortiere meine Bücher (teilweise) nach Farbe bzw.  nach Verlag. Sieht einfach gut aus. ;) Und auch sonst bin ich ein visueller Mensch. Oft merke ich mir die Farbe und das Cover eines Buches. Würde mich jetzt also z.b. spontan jemand nach Hemingways Roman "Fiesta" fragen, wüsste ich sofort, dass ich in der "Rot-Sektion" schauen müsste. Naja, jeder hat so seine kleine Macke ;)
Muss jedoch auch zugeben, dass das Farbkonzept nicht überall in meinem Regal durchgesetzt wird. Ab Regalbrett 3 sortiere ich z.T. nach Autoren, Themen, Epochen oder wie es eben gerade so passt. Klarer Fall, dass Bücher von Truman Capote natürlich nebeneinander stehen müssen. In einem anderen Regal hab ich noch Sachbücher zum Thema Literaturwissenschaft, Film, Kunst, Reisen, Essen & Kultur. That's it! Bei meinem letzten Umzug sind nicht alle Bücher mitgekommen, aber es gibt ja auch noch Bibliotheken.
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  • Tag 2 der Instagram-Challenge #buchpassion ➡️ Dieses Buch hat mich verändert
Über diese Frage musste ich eine ganze Weile nachdenken. Letztendlich kehrten meine Gedanken aber doch immer zu einem Buch zurück: Sylvia Plaths "Glasglocke". Zum ersten Mal hab ich das Buch gelesen, als ich 16 war - und schon damals hatte es eine Sog-Wirkung auf mich. Es ist  eines von wenigen Büchern, bei dem ich nur die ersten Sätze lesen muss,  und ich bin förmlich gefangen in der Erzählwelt, die Plath so  anschaulich beschreibt. Die junge Protagonistin, die eigentlich gerade erst ins Erwachsenenleben startet und versucht ihren eigenen Weg zu finden, hadert mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit (1950er). Wie möchte ich leben? Soll ich wirklich an der künstlerischen Laufbahn festhalten?  Der Ehrgeiz und die starken Selbstzweifel, die  immer wieder in depressiven Verstimmungen resultieren, beginnen die  Protagonistin förmlich aufzufressen. Als Leser muss man hilflos mit  ansehen, wie sie unter ihrer Glasglocke nach Luft ringt, wie sie sich  selbst zerstört.
„Die Glasglocke“ ist durch die Handlung harter 
Tobak – keine Frage! Vielleicht berührt das Buch auch gerade durch seine
 Authentizität und weil man ahnt, dass die Autorin das Geschilderte 
selbst durchgemacht hat. 
Für mich nach wie vor ein prägendes Buch - keine leichte Kost, aber definitiv ein Roman zum immer wieder Lesen. Aufwühlend, authentisch, zeitlos: So muss große Literatur sein.
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